Wieviel Lockdown braucht man zum runterkommen?

Jetzt, so ganz langsam wird es stad. Bisher war nur Summen im Kopf. Gefangen zuhause zwischen Kindern, Homeschooling, Wäsche und ständigem Kochen. Was so eine Familie alles essen kann?! Ach, und das bisschen Arbeit – wenn man denn noch eine hat …

Ich genieße ganz bewusst das Wegfallen der ständigen Weihnachtsferien im Musik- und Sportverein, in den Schulen und mit Geschäftspartnern und dennoch dreht sich das Kopfkarussell immer weiter:

Wie sieht Weihnachten aus? Wie geht es den jetzt einsamen Verwandten? Habe ich an ein Geschenk für die Müllabfuhr gedacht – meine besten Freunde des Jahres. Haben sie doch diverse Müllblöcke der Cocooning-Kinder bereitwillig abtransportiert, auch wenn das Tonnenvolumen längst erschöpft war. Ist das Referat online gestellt worden? Was macht der Pubertäre an Sylvester? Wer kann kommen und wer nicht? Wo sind die geliebten Jogginghose der Familie schon wieder? Und was macht denn unser Hund da?!

Jetzt ist der Baum geschmückt, der Einkauf erledigt, die Geschenke verpackt und verteilt, Nachtisch für den 24. zubereitet und ich nähere mich doch tatsächlich meinem Bücherturm – endlich Zeit zum Lesen! Endlich kein noch schnell wo hinfahren und etwas Klitzekleines erledigen. Endlich erreiche ich die Zielgerade meines eigenen Lockdowns. Endlich.

Ein Lockdown geschieht also im Kopf. Wenn wir unsere gewohnten Pfade verlassen müssen, erfordert das eine Menge Kraft und Energie. Bekannte Szenarien der Sicherheit müssen neu erfunden werden, neu gefunden werden. Es erstaunte mich dieses Jahr zu sehen, wie lange wir als Familie und mein Freundeskreis brauchten, um das ganze Ausmaß der Pandemie zu erfassen. Es wurden weiter Feiern und Urlaube geplant, und der Gedanken eines anderes Weihnachtsfestes (und ohne Kirchgang!), war ganz und gar abwegig.

Was aber, wenn es keine Pfade mehr gibt, die man einschlagen kann, wenn alles eine einzige Sackgasse ist? Dann macht sich schnell innere Leere breit, dann wollen wir den Kopf in den Sand stecken („Früher war alles viel besser!“), dann kommt die Depri-Wolke schnell um die Ecke.

Dabei ist dieses Jahr doch ein ganz gutes:
– Amerika hat einen neuen Präsidenten
– es gibt einen Impfstoff gegen das Virus
– der Wirecard-Skalndal wurde aufgedeckt
– die Welt scheint etwas ökologischer zu werden, bzw. unser Handeln
– unsere Kinder wurden digital fit für den Arbeitsmarkt (wir nur ein wenig)
– nach der Zoom-Konferenz kann man noch Gute-Nacht-Geschichten vorlesen
– unsere Gemeinden wurden digitalisiert und dadurch bürgerfreundlicher
– die Nachbarschaftshilfe hat sich neu erfunden

So, jetzt nehme ich wieder mein Buch und lese.

Ein Gedanke zu “Wieviel Lockdown braucht man zum runterkommen?

  1. Francesca Klein schreibt:

    Dear Wendy,I write to you in English because writing in German is difficult for me even though I can speak and understand German quite well…I just finished reading your blog and I loved it! You write so beautifully and honestly and I really enjoy and can relate to everything you write. Bravo!! Thank you for these words and I wish you and your family a happy Xmas and an even better 2021. A big hug from Francesca and Family 

    Sent from Yahoo Mail for iPhone

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