„Sie haben Ihr Ziel …“

Überall entdecke ich sie. Egal wohin ich blicke, ständig glitzert, blinkt oder reizt es in unauffälligem Schwarz mein Auge: die Fitnesstracker meiner Freunde, Bekannten und so mancher Fremder.

Es gibt sie in angesagter Armbandoptik, getarnt als unscheinbare Armbanduhr und von allmighty-Apple. Alles wird gezählt, bewertet, zur Verbesserung angespornt. Schneller, schneller und bitte immer effektiver. Die durchschnittliche Schrittzahl kann ständig erhöht und dem individuellen Fitnesslevel angepasst werden.

Und wohin führt das? Ins Nirvana? Zu den Jungfrauen? Ins Paradies? Um das zu ergründen habe ich mich auch an die Kette legen lassen. Und ja, ich fühle mich positiv bestärkt, wenn ich meine Schrittzahl zwischen Wäschekeller, Dachboden und Gartenarbeit erfüllt habe (und mir abends noch ein Gläschen Weißwein zusätzlich gönnen kann – hab ich mir ja bereits abtrainiert). Mein wöchentlicher Einkauf für die sechsköpfige Familie schlägt sich endlich auf mein Workout-Programm nieder und bereits um 11:20 Uhr heißt es: „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“

Das Ganze schlägt aber auch schnell in Stress um. Neulich, Donnerstag am frühen Abend durchzuckte es mich: Was?! Ich hab erst 9.500 Schritte getan und nur 45 Minuten trainiert?! „Sie haben Ihr Ziel (schon wieder nicht) erreicht.“ Zeit, das Ding runter zuschalten.

Das Armband ermahnt mich, doch noch bitte meine letzte Trainingseinheit zu absolvieren. Ich kann aber nicht mehr! Hausaufgaben mit dem störrischen Zweitklässler, ein Bioreferat und die Beaufsichtigung einer Strafarbeit liegen bereits hinter, die Bügelwäsche noch vor mir. Ich sehne mich nach Schokolade und „Pride and Prejudice“. „Schön durchatmen“, kommentiert das Armband. Was?! Das Ding scheint mich wirklich zu beobachten. Schnell grüble ich über Privatsphäre, Big Data und die allgemeinen Geschäftsbedingungen meines Trakers nach.

Wir haben uns mittlerweile aneinander gewöhnt. Ich habe alle nervigen Funktionen ausgeschaltet („Zeit, ein Glas Wasser zu trinken.“) und am Wochenende ziehe ich das Ding erst gar nicht an, denn wenn mich meine Handgelenksfreundin am Samstag daran erinnern will, dass ich mein Ziel schon wieder erreicht habe, dann habe ich was falsch gemacht. Dann ist es kein Wochenende.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s