Mein Osterspaziergang

… führt mich gedanklich an Goethe vorbei, über die Osternacht und hin zur eigenen Vergänglichkeit. Dieses Geschenk dieses Leben zu leben zu dürfen!

Ich schließe mich den Gedanken Paul Gerhardts an:

Ich bin ein Gast auf Erden
und hab hier keinen Stand;
der Himmel soll mir werden,
da ist mein Vaterland.
Hier reis ich bis zum Grabe;
dort der ewgen Ruh
ist Gottes Gnadengabe,
die schließt all Arbeit zu.

Wo ich bisher gesessen,
ist nicht mein rechtes Haus.
Wenn mein Ziel ausgemessen,
so tret ich dann hinaus;
und was ich hier gebrauchet,
das leg ich alles ab,
und wenn ich ausgehauchet,
so scharrt man mich ins Grab.

Du aber, meine Freude,
du meines Lebens Licht,
du ziehst mich, wenn ich scheide,
hin vor dein Angesicht
ins Haus der ewgen Wonne,
da ich stets freudenvoll
gleich wie die helle Sonne
mit andern leuchten soll.

Da will ich immer wohnen
– und nicht nur als ein Gast –
bei denen, die mit Kronen
du ausgeschmücket hast;
da will ich herrlich singen
von deinem großen Tun
und frei von schnöden Dingen
in meinem Erbteil ruhn.

Bildquelle: www.volksstimme.de

 

Ein Leben ohne Hund

Ein Leben ohne Hund ist für mich kaum vorstellbar. Wie ein Schatten verfolgt sie mich, meine Hündin. Ja, umzingelt von so viel Jungs war mir das weibliche Geschlecht meines Hundes wichtig. Und ja, es ist mein Hund. Ich gehe mit ihr – egal, welches Wetter, spazieren. Sie treibt mich aus dem Haus. Um dem Alltagstrubel zu entkommen gehe ich sehr viel spazieren.

Sie wacht über mich. Ich fühle mich von ihr beschützt: wenn es an der Haustür klingelt, wenn mir merkwürdige Menschen im Tagtraum verfangen entgegen torkeln. Mit ihr bin ich nie allein. Sie kopiert mich und zeigt mir meine fatalen Fehler.

Ein Leben ohne sie? Unvorstellbar.

Träumchen!

Neulich Abend lief er wieder bei uns, der Tatort. Gruselige Morde im Morgengrauen, Mitraten wer wohl der Täter ist. Ein Hauptverdächtiger wird in U-Haft genommen. Er lässt seinen Blick durch die Zelle schweifen. Ein karger Raum mit Bett, Waschbecken, Klo. Unsicher und angeekelt wendet sich der Inhaftierte dem Dienstpersonal zu mit einem Blick, der in etwa fragt: „Nicht Ihr Ernst, oder?“

Mein Mann: „Boah! Ungestört schlafen.“ Ich: „Ungestört lesen. Sicher gibt es da eine Bibliothek.“ Er: „Morgens seine Liegestütze machen, ohne den Kindern Frühstück bereiten zu müssen.“ Ich: „Stimmt. Und Essen aufs Zimmer!“ – Im Geiste schreien wir beide „hier!“, hätten den armen Kerl auf jeden Fall sofort abgelöst …

Gott sei’s gedankt sind bald Ferien.

Mei, der Frühling!

Frühling lässt sein blaues Band wehen durch die Lüfte …

Das auch, und er schickt die Hormone auf Trab. Das Pubertier unserer Familie hat plötzlich eine dringende Verabredung mit einem Mädchen in der Stadt. Kleiner Bummel um die Häuser, mit Applestore und so. Tja, wenn einen die Verliebtheit am Sonntag in die Stadt schickt, wird es wenigstens ein billiger Ausflug.

Der andere tauscht Liebesbriefe in der Schule aus – ach, welch herrliche Erinnerungen an die eigene Zeit dieses ersten Kribbelns im Bauch! Unser Dritter ist noch gänzlich unberührt von all dem. Der Vierte hingegen hat gleich zwei feste Freundinnen (2. Klasse!). Noch Fragen?

Verzeihung

„Der Mensch ist nie so schön, als wenn er um Verzeihung bittet, oder selbst verzeiht.“

Dieser Spruch von Jean Paul lässt mich innehalten. Wann habe ich das letzte Mal jemandem verziehen, oder um Verzeihung gebeten? Ein rasches Entschuldigung kommt mir oft über die Lippen. Ist das echt gemeint? Ich denke nach und, ja, es ist jedes Mal echt gemeint. Sonst würde ich es nicht sagen.

Ja, aber wann habe ich wirklich jemanden um Verzeihung gebeten? Ich weiß es! Jetzt kommt es mir: Bei einem meiner Kinder habe ich mich gestern Abend beim Zubettgehen entschuldigt. Irgendwie war in dem Tag der Wurm drin und ich hatte ihm Unrecht getan. Erst jetzt kam ich dazu mich mit ihm auszusprechen und die Dinge wieder ins rechte Lot zu rücken. Und wie gut es sich anfühlt.

Wie gut tut es, wenn mir gegenüber jemand sein Fehlverhalten eingesteht, Größe zeigt. Ein Vorwurf ist schnell gemacht und schlüpft einem mühelos von den Lippen. Ein Eingestehen eines Fehlverhaltens aber, das gehört für mich zu den großen Gesten dieses Lebens.

Ich werde mich weiter darum bemühen.

Der Apfel schmeckt nicht!

Vom Frühling, dem Abnehmen und gesunder Kinderernährung

Was für ein Krampf! Das Dirndl passt mir nicht mehr! Es saß schon zum Oktoberfest recht stramm um meine Brust, also nicht im Sinne von „Oh, Du hast aber a Holz vor der Hüttn!“, sondern eher auf eine Scalett O’Hara-Manier mit Ohnmacht und so.

Also, same procedure as every year, runter mit dem Speck. Eine Woche Fasten, anschließendes Weglassen der Kohlehydrate, kein Alkohol, kein Kaffee.
Das mit dem Kaffee ist der leichteste Part, da ich große Teetrinkerin bin. Das mit dem Fasten ist nur ein erstes Aufraffen, wenn man mal drin ist, ist es recht überschaubar – einfach nix essen. Da bin ich eher so der Typ entweder ganz, oder gar nicht. Was auch heißt, dass wenn ich esse, dieses gerne und ohne Einschränkung kann … (tja, daher das enge Dirndl).

Aus dem walk with the dog wird eine erste Joggingrunde. Meine intelligente Uhr lobt meine Fortschritte. Und schon legt sich eine Schlinge um meine guten Absichten:

die Kinder und ihr Essverhalten. Erstens bleibt am Wochenende immer wieder ein kleiner Rest Nutellabrot liegen (das kann man doch nicht wegschmeißen – verdammte Schlange der Verführung!) und die Ansicht der Kinder zu gesundem Essen bietet beste Studienobjekte zum Thema „der träge Homo Sapiens“: alles nur mit Zucker, kein Gemüse, möglichst wenig Bewegung.

Also die Ernährungspyramide ausdrucken und an den Kühlschrank pinnen, die WDR-Reportage zum Thema Zucker anschauen lassen und mit dem Hund rausschicken. Alles wird gut.

Gemüse essen die Jungs tatsächlich nur in Form von Gemüsesuppe und ab und an etwas Rohkost. Gut, Obst geht im großen und ganzen recht gut rein, bis auf neulich. Ich bringe einen Teller mit kleinen Schokoladenstückchen und einem Apfel ins Kinderzimmer. Noch bevor ich die Tür wieder hinter mir schließen kann ertönt ein Ruf: „Heh, Mami, fang!“ Verdutzt drehe ich mich um und kann den Apfel gerade noch auffangen, bevor er mir an den Kopf saust: „Der Apfel schmeckt nicht!“

Tja, mit der Fastenzeit und diversen Vorhaben, habe ich dieses Jahr nicht angefangen.

Warum ich diese Auszeiten brauche

Hier sitze ich, auf der Liege, den Computer auf dem Schoß und den Blick vom Pool über die Baumwipfel in die dramatisch verhangenen Berge gleiten. Ich atme ruhig ein und aus. Das ist es. Jetzt bin ich wirklich bei mir.  Warum ich diese Auszeiten brauche? Ein Klärungsversuch.

Zuhause sind sie alle um mich, meine geliebte Familie, mein Hund, die Wäsche, der Müll und der Abwasch. Dazu noch die Dinge in der Kirche, vom Literaturkreis, die Redaktionen und das Lektorat. Und wenn ich Kinder sage, dann impliziert das die Schule, den Sportverein, die Geburtstagseinladungen und Übernachtungswünsche, Arztbesuche, Nachhilfestunden und den Musikunterricht mit den täglichen Übungszeiten. Also eine ganze Menge.

Das lasse ich nun alles hinter mir und fahre allein weg in dieses Kleinod im Wald, an den Bergen. Nach einer guten Mütze Schlaf schwimme ich mir die Bewegung aus den Gliedern, bis mein Kopf frei ist. Dann eine heiße Kanne Tee, also viel Tee. Manch einer mag ohne Kaffee nicht funktionieren, bei mir ist es der Tee. So, nun sind meine Grundbedürfnisse gedeckt (wenn mein Mann dabei ist, gibt es da noch eines …).

Dann erst, ganz langsam, wenn ich meinen Tagesablauf selbst in der Hand habe, eine Tüte Gummibärchen griffbereit um jederzeit sinnvoll zu sündigen, meine Musik im Ohr und einen flauschigen Bademantel um mich, das Feuer knistert, dann bin ich ganz da. Jetzt fühle ich das Wunder dieses irren Planeten und Gottes ganz unbarmherzige Liebe zu mir und in mir fließen. Kein Halten mehr, ich lächle leicht schwachsinnig vor mich hin. Die Gedanken rasen und mein Laptop ist so geduldig. Ich bin wieder bei mir und der Blick, getrübt vom Nebel des Verdrängens, lichtet sich und mir steht wieder klar vor Augen, warum ich all dies so gerne tue: Ich liebe sie, diese Familie.

Bild: Chiemsee, 2005

Von Gut und Böse und der Wahrheit

Neulich hatte ich mal wieder ein recht erhellendes Gespräch mit meinen Jungs. Es ging, ich glaube, um Star Wars (diese Filme lassen sich herrlich als Lebensparabeln verwenden). Wieder einmal hatten die Guten gesiegt und der Bösewicht war von der Bildfläche verschwunden, der Planet buchstäblich geteilt.

„Mami, warum hat sie ihn angegriffen?“ „Ich weiß nicht, mein Schatz, sie hat halt ihr Leben und ihre Freunde verteidigt, letztendlich alles, wofür sie im Leben steht.“ „Ja, aber der andere hat doch auch nur sein Reich verteidigt“, antwortet mir einer der Jungs. „Stimmt. Und wir haben gesehen, wie er zu dem wurde, was er jetzt ist.“ „Dann hat er auch irgendwie recht, oder?“, es brodelt in seinen Gedanken weiter.

„Ja“, erwidere ich, „und ihre Geschichte haben wir auch schon gesehen. Das heißt, dass jeder seine eigene Wahrheit lebt. Es gibt kein endgültiges Richtig und Falsch, Wahrheit und Lüge. Jeder erlebt sein Leben als einmalig und wahr.“ „Ok. Dann ist der Böse gar nicht so böse. Die sollten mal lieber miteinander reden!“ Froh, eine Lösung gefunden zu haben, trollen sich die Jungs ins Kinderzimmer.

Au, wie wahr. Ich mache mir eine geistige Notiz die Jungs an diesen Vorschlag zu erinnern, wenn sie mal wieder in Streitigkeiten verwickelt sind.

Mich beschäftigt diese Idee indes noch länger. Ich erinnere mich an ein Semester „neurolinguistisches Programmieren“ (NLP) meines Studiums. Hierbei geht es darum, dass alle Menschen sich ein Wahrnehmungsraster zulegen, das nur einige Reize dieser Wirklichkeit zu uns durchdringen lässt, damit wir diese Welt überhaupt erfassen und begreifen können. Dieses Raster sieht bei jedem anders aus. Wenn ich also mit meinem Mann im Zug sitze und aus dem Fenster schaue, fallen ihm die Sonnenkollektoren auf Hausdächern und mir die wunderbare Weite mit grasenden Pferden … Beides ist real und hier, wird aber unterschiedlich wahrgenommen.

Gibt es also eine objektive Wahrheit? Ist es nicht vielmehr so, dass jeder seine Umwelt anders wahrnimmt und all unsere Kommunikationsprobleme einfach nur daher entstehen, dass wir von unterschiedlichen Wahrnehmungen und daraus resultierenden Gesetzmäßigkeiten ausgehen? Wir sollten vielmehr miteinander reden, warum der eine es so, der andere es eben anders als richtig erachtet. Vielleicht klärt das einige schwelende Missverständnisse im Keim, bevor es zur Eskalation kommt.

Bildquelle: www.moviepilot.de