Wir schenken Ihnen Zeit

Auf der Suche nach einem geeigneten Weihnachtsgeschenk, stolperte ich über folgende Anzeige:

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Ich kam mir vor, als ob die grauen Herren aus Momo sich einen schlechten Witz mit mir erlaubten.
Dieses Heimdose darf mir also das Leben erleichtern? Klar, ok, Licht an, Licht aus, Song an und zwar so laut, dass ich meine Kinder nicht mehr höre, auch klar. Es hört aber schon wieder auf, wenn es darum geht sich richtig nützlich zu machen: „Mach die Salatsoße!“, „Ruf die Kinder rein zum Essen!“, „Leg die Wäsche zusammen!“, „Koch doch schon mal die Kartoffeln!“, „Schmückst Du bitte den Weihnachtsbaum?“

Das sind die Dinge, die mir helfen würden. Aber ein weiteres (Technik-) Wesen, das von mir Arbeitsaufträge erwartet? Nein danke. Wenn die Dose die Anweisungen nicht versteht, muss ich sie ja auch wiederholen und das tue ich ja bereits bei meinen zahllosen Kindern („Hände gewaschen?!“, „Ellenbogen vom Tisch.“, „Hausaufgaben gemacht?“). Und was stelle ich mit der so gewonnenen Zeit an? Das selbe, was ich mit der mache, die mir die WhatsApp-Gruppen, der Geschirrspüler und die Waschmaschine schenken – weiter arbeiten, nur schnell weiter arbeiten.

Wenn ich also Ruhe haben möchte, mit den Kindern um den Adventskranz sitzen und Lieder trällern möchte (machen wir tatsächlich an den Adventssonntagen), dann schalte ich alle Technik aus, also alle Telefone und sonstigen flachen Geräte der Obstcompany.

Und was ist mit der Tatsache, dass ich abgehört, ausgelauscht, be-Marken-spitzelt werde?  Es kommt mir wie ein kleiner Eindringling in unserer Wohnung vor, diese Dose, die Informationen sammelt, speichert, höchstwahrscheinlich weitergibt, mein Geld auf ein Konto auf den Bahamas überweist und mich erpresst jeden Mittag Fischstäbchen mit Kartoffelpüree zu kochen (igitt!).

Die grauen Zeit-stehl-Herren lachen sich ins Fäustchen …

Was mein Leben reicher macht …

In der Hamburger Wochenzeitung DIE ZEIT gibt es auf der Leserseite eine Rubrik „Was das Leben reicher macht“. Darin schreiben Leserinnen und Leser von kleinen Glücksmomenten des Alltags. Daraus ist ein gleichnamiger Kalender entstanden, der jährlich erscheint. Anbei findet Ihr einige Kostproben:

Die kleinen Liebeserklärungen, die unsere Tochter, 27, in Schränken, Blumentöpfen und im Kühlschrank hinterlässt, wenn sie uns am Wochenende besucht hat.
Horst und Charlotte Weinländer, Birkenfeld

Die abendlichen Treffen in der WG-Küche mit meinen Mitbewohnern und die Frage „Und was war dein Highlight des Tages?“ Das bringt uns dazu, selbst dem trübsten, langweiligsten oder miesesten Tag noch einen schönen, erinnerungswürdigen Moment abzugewinnen und ihn zu teilen. Erstaunlich, dass doch nicht alle schlechten Tage komplett schlecht sind!
Martin Jahn, Flensburg

Im IC hinter mir eine türkische Mutter mit Kleinkind, das seit zwei Stunden quengelt und schreit, obwohl sich die Mutter alle Mühe gibt, es zu beruhigen. Alle sind langsam genervt, die Köpfe drehen sich. Schließlich eine ältere Dame: „Setzen Sie sich her, ich singe der Kleinen etwas vor.“ Sie singt leise einige alte Kinderlieder wie Hänschen klein. So schön, dass ich selbst ganz ruhig werde. Nach fünf Minuten ist das Kind eingeschlafen und schläft die restlichen zwei Stunden durch.
Anne Okolowitz, Radolfzell

Nach zwei Jahren Vorsprechen mit vielen Enttäuschungen, meinen Traum leben zu dürfen: das Studium an der Schauspielschule! Ein unbezahlbares Gefühl, das zu machen, was einen erfüllt!
Silvan Frick, Zürich, Schweiz

Ich fahre in den Polder, um mit dem Hund spazieren zu gehen. Unangeschnallt – was in den Niederlanden 90 Euro Strafe kostet. Im Rückspiegel erscheint plötzlich „Stop – Politie“. Es gelingt mir nicht mehr den Gurt anzulegen. Der Polizist kommt auf mich zu. „Sie wissen, warum ich Sie angehalten habe?“ Dann sieht er den Hund auf dem Rücksitz. „Wir wollen es dieses Mal bei einer Verwarnung belassen – wäre schade um das Hundefutter, das man von der Geldbuße hätte kaufen können“.
Birgit Simonis-Verstoep, Boskoop, Niederlande

Mit meinen 78 Jahren habe ich mich noch einmal ans Kochen gewagt, nachdem meine Frau nicht mehr so kann. Und letzte Woche wollte ich es wissen: Ich buk meinen ersten Kuchen. Später kam mein Sohn zum Kaffee vorbei. Natürlich war ich gespannt auf sein Urteil. Nachdem er ungefähr ein Viertel meines Werkes verspeist hatte, meinte er nur: „Vater, ich komme nächste Woche wieder.“
Erwin Wald, Veitshöchheim

Am frühen Abend auf der belebten Frankfurter Einkaufsstraße Zeil: Juchzend kickt mein zweijähriger Sohn einen Luftballon herum. Und egal ob gestresste Banker, gelangweilt dreinblickende Teenager oder türkische Großmütter – alle bleiben für einen Moment stehen, um ihm den Ballon zurückzustupsen, und gehen danach schmunzelnd weiter.
Peter Matz, Alsbach-Hähnlein, Hessen

 

An Dezembertagen

An Dezembertagen kann es ganz schön laut zu gehen.
An Dezembertagen rast die Zeit, statt still zu stehen.

Die Erwartung auf das sich erneuernde Wunder
wo bleiben die Engel, um es kund zu tun?

Ich stehe starr, verharre im Moment.
Sehe die Lichter leuchten, spüre den kalten Wind.

Da ist ein Feuer in meinem Inneren.
Ja! Da ist es – ich kann mich erinnern!

Schon schwanger? Noch nicht schwanger? Wieder schwanger??

Wir Frauen machen es uns aber auch wirklich nicht leicht. Schon schwanger mit 20, noch nicht schwanger mit 30, oh mein Gott – erst schwanger mit 40?!?

Warum ist das denn so ein Druck und nur so ein kleines Zeitfenster?

Ich weiß noch genau, wie ich in der Oberstufe mal meine Regel nicht pünktlich bekam. Und dass, obwohl ich die Pille seit einer gefühlten Ewigkeit gewissenhaft einnahm. Welch ein Schock und welch eine Freude, als die Regel endlich eintraf.

Kaum zehn Jahre später, mit Mitte, Ende 20, frisch verheiratet und aus den Flitterwochen zurück, setzte ich sofort die Pille ab. Das waren die härtesten Monate der Selbstbeäugung. Was vorher nicht geschehen durfte, sollte nun möglich SOFORT passieren. Jede Körperfunktion wurde kritisch beobachtet und welch ein Drama, wenn es doch wieder nicht geklappt hatte mit dem schwanger werden! So ein Stress! Warum muss es diesen perfekten Zeitpunkt geben? Warum sind wir so hart zu uns selbst? Das kann doch einfach nicht funktionieren.

Mache von uns werden erst mit Anfang 40 schwanger. Die schiefen Blicke, die sie ernten, stammen meist aus unseren eigenen Reihen.

Und dann gibt es so einige unter uns, die an ihrem Frausein verzweifeln, die sich ohne Kinder nur unter schwierigsten Umständen als vollwertige Frau fühlen, die das Trauma, ja Stigma der Unfruchtbarkeit leben.

Das ist eine wirklich schwierige Situation und damit ist nicht zu spaßen.
Auch hier herrscht Stress vor. Überall Selbsterfüllungsdruck.

Schade.

 

Abends, wenn ich schlafen geh …

… vierzehn Engel um mich stehen …“ Wenn es nur so wäre, wie Engelbert Humperdinck es in der Hänsel und Gretel-Oper behautet!

Um mich stehen dann gefühlt die grauen Herren aus Momo, die Grinsekatze und eine Mickey Mouse, die mir den Wahlspruch meiner Großmutter ins Ohr trällert: „Was Du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“ (wahlweise auch: „Langes Fädchen, faules Mädchen“). Und wie ich gerne mal faul wäre! Einfach ausstrecken und nichts tun.

Nur der Sandmann fehlt. Der hat den Weg mal wieder nicht in mein Fenster gefunden. Leicht verärgert drehe ich mich zur Seite und grübel noch einige Zeit darüber, was die Patenkinder zu Weihnachten bekommen, ob ich noch etwas für die feierliche Zeit der Ruhe organisieren muss oder ob die Nachbarn mit der Beobachtung auffälliger Personen in der Nachbarschaft mal wieder meine Befürchtung wecken, dass wir in den Weihnachtsferien ausgeraubt werden könnten. Ein Wunder, dass ich auf dem Hundespaziergang nicht einem Passanten vor lauter Dünkel einen Stein an den Kopf werfe …

Na ja, schlafen also. Eigentlich kann ich das ganz gut und träume auch recht angeregt – neulich doch tatsächlich, dass ich in meine Lieblingsjeans Größe 36 wieder passt – herrlich! Dann wieder, dass eines meiner Kinder mir beim Skifahren abhanden kommt – grauenhaft! Meist stehe ich dann im Morgengrauen auf und mache erst einmal eine Kanne heißen Tee. Puh, diese Nachtalben abzuschütteln ist aber auch mühsam.

Ich genieße dieses Gefühl – alle schlafen, ich bin wach und schaue in den Garten, entdecke Neuschnee und nehme diese wohlige Stille wahr. Nur ich, allein, mit Tee und guter Laune. Die grauen Herren mit meinem Gedankenchaos weit weg. Wunderbar. Besser, als das zu Bett gehen.

 

Bildquelle: Bergfex

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.
Wenn das Zufällige und Ungefähre
verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen –

Dann könnte ich in einem tausendfachen
Gedanken bis an deinen Rand dich denken
und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.

Rainer Maria Rilke, 1899

Eine halbe Stunde

Das Frühstück ist bereits eingenommen, vier Brotzeitpakete geschmiert und gepackt und dann kommt sie mit Macht auf mich zu: eine halbe Stunde Morgenchaos. Die meisten meiner grauen Haare verdanke ich diesen morgendlichen 30 Minuten.

Ich diskutiere mit meinem Ältesten, warum er sich noch nicht für ein Betriebspraktikum beworben hat. Er erklärt mir lang und breit, warum er sich bisher nicht bewerben konnte. Zeitgleich verkündet der nächste: „Ich habe nasse Socken!“ „Und ich habe gar keine Socken mehr im Schrank!“ Ich wende mich den andern beiden zu, denn der Älteste schwelgt noch in Rechtfertigungen.

„Mami, Du hörst mir ja überhaupt nicht zu.“ „Ich kann auch nur einem Kind folgen, schieb es auf mein Alter oder auf die Tatsache, dass Kommunikation in der Literatur immer nur einen Sender und einen Empfänger beschreibt“, erwidere ich dem Großen. „Dann frag mich halt erst gar nicht, wenn es Dich nicht interessiert, was ich mache.“ „Es interessiert mich aber, nur nicht warum Du es bisher noch nicht geschafft hast, lediglich wann Du Dir die Zeit dafür nehmen wirst. So eine Art Zusammenfassung.“

Ich spüre, wie sich ein weiteres graues Haar auf der Kopfhaut regt. „Mami, dann geh ich halt ohne Socken in die Schule!“ „Schatz, das kannst Du gerne machen, das verbuche ich unter Entfaltung Deiner Persönlichkeit“, sage ich matt. „Aber meine Art der Bewerbung für das Berufspraktikum fällt nicht unter diese Regel?!“, entfährt es dem Großen. „Nein, mein Guter, das fällt unter das elterliche Betreuungsgesetz. Punkt. Tür auf, alle raus, Tür zu und eine schöne große Tasse Tee in der Stille …

 

Bildmaterial: Wiktionary