Wenn ich den See seh …

Brauche ich kein Meer mehr.

Meine Füße sind endlich im Wasser! Tastend auf spitzen Muschelresten und jahrhundertalt weichgewogter Kieseln umspielt mich das frische Wasser des Chiemsees, des bayerischen Meeres. Herrlich! Kindheitserinnerungen werden wach – das Jagen des Chiemseemonsters auf alten Surfbrettern, eine Fischzucht hatten wir neben den Steinmauern angelegt und vom Hochwasser bedrohte Schwanennester beobachtet.

Jetzt hüpfen meine kleinen Fischer durch die Fluten. Sie sammeln Sommerschätze und Treibholz. Ich liege im nahen Gras und beobachte wie sie mit dem Nichts, dem Alles spielen. Ein Schilfblatt wird zum Boot, ein Marienkäfer aus dem Wasser auf eben dieses Boot gerettet: „Pass auf! Der nächste Sturm naht schon!“ Das nahe Kindergeschrei perlt an meinem Blick ab, dieser richtet sich auf die Ferne, diese wunderbar klare, Geist erfrischende Klare des Sees. Die Geschichten der Königskinder und das Schicksal des fliegenden Holländers streifen mich. Auf der Mitte des Sees sitzt ein alter Mann im Boot und angelt …

Kirchturmglocken wehen vom anderen Ufer herüber. Auf der Insel das prächtige Schloss. Mein Deutschlehrer war zu seinen Studienzeiten königlich bayerischer Kutschfahrer auf Herrenchiemsee. So erzählte er mir, als wir in Dachau mit der gesamten Oberstufe auf einem Vierspänner saßen – ich, als Pferdeerfahrene vorne mit ihm auf dem Bock, während die Tiere (noch nie gemeinsam eingespannt) sich mit der örtlichen Bahn ein Wettrennen auf dem Feldweg lieferten. Zurück zum See.

Hier kann man träumen, hier ist scheinbar immer Sommer, hier zirpen die Grillen lauter und stecken die Mücken fieser. Hier entstehen Kindheitserinnerungen, hier schmeckt das Radler und die Pommes ganz anders, als im Freibad. Denn hier ist der Geist freier. Wenn Gedanken nicht ständig umgrenzt werden, wenn sie fliegen können, dann kehren sie, so wie die meinen heute, irgendwann zu einem zurück und schenken einem das Lächeln des sich Erinnerns. Ein herrlicher Tag!

Warum wir dennoch ans Meer fahren, folgt.

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