In eurem Bunde der dritte

Die Familie sitzt beim Frühstück beisammen. „Das war gestern ganz schön blöd vom Thomas.“, erzählt einer der Jungs, „Ich hab‘ ihm extra gesagt, dass er unser Geheimnis für sich behalten soll. Hat er aber nicht.“ Mit enttäuschter Schnute wendet er sich dem Marmeladenbrot zu. „Tja, das ist so ein Ding mit dem Geheimhalten und mit der Treue zum Freund.“, erkläre ich. „Wie war das noch gleich?“, fragt mein Mann, „Das mit dem ‚Hätt ich die Bitte, lasst mich sein in Eurem Bunde der Dritte‘?“

Ach genau, der Schiller, die Bürgschaft. Ich erzähle den Jungs am Tisch die Geschichte und sie hängen staunend an meinen Lippen:

„Da waren also zwei Freunde in Syrakus, die einen schrecklichen Herrscher hatte.“ „So ähnlich wie Trump?!“, fragt der 11-Jährige. „So ähnlich, nicht ganz so schlimm.“, antworte ich ein wenig verwundert. „Also, diesen Herrscher will der eine umbringen, dabei wird er aber festgenommen und soll gehängt werden.“ – Ungläubiges Staunen über eine solche Gewaltbereitschaft macht sich auf den Gesichtern der Jungs breit und freudige Erwartung wie gruselig es denn wohl weiter geht.

„Der eine sagt aber, dass er unbedingt noch nach Hause muss, um seine Schwester zu verheiraten, solange soll sein Freund da in Gefangenschaft bleiben, er löse ihn schon aus. Und genau so geschieht es.

Die Schwester heiratet, der Freund macht sich schleunigst auf den Weg zurück nach Syrakus, in der der andere gefangen sitzt. Aber der Rückweg ist schwer: Sturm und Regen lassen den Fluss anschwellen und zerstören die Brücke. Kein Schiff weit und breit zu sehen und das Wetter wird nicht besser. Todesmutig stürzt er sich in die Wogen des Flusses, kommt heil am anderen Ufer an und wird anschließend von Räubern überfallen. Mit unsagbarer letzter Kraft wehrt sich der Mann, während die Sonne sinkt und er an seinen Freund denken muss, der wahrscheinlich gerade zum Richtplatz geführt wird.

Die Schatten werden noch länger, als er die Straße zur Stadt einschlägt und ihm Leute entgegenkommen, die sagten: ‚Jetzt hängt er wohl schon.‘ Mit letzter Kraft rennt der Freund in die Stadt, ein anderer warnt ihn; ‚Du kommest eh zu spät, rette Dein eigenes Leben!‘ ‚Nichts da, wenn mein Freund stirbt, dann ich eben auch, alleine kann ich ihn nicht sterben lassen.‘ Er erreicht den Galgen und seinen Freund, der bereits die Schlinge um den Hals hat. Weinend fallen sich die Zwei in die Arme.

Ganz gerührt schaut der böse Herrscher ihnen zu und sagt, dass die Zwei sein hartes Herz erweicht haben, er nur noch Gutes tun möchte, weil er jetzt an die Liebe, Freundschaft und Treue glauben kann.“

Spannend, so eine Ballade.

Hier das Original:

Die Bürgschaft, Friedrich Schiller

Zu Dionys dem Tyrannen schlich
Möros, den Dolch im Gewande,
Ihn schlugen die Häscher in Bande.
Was wolltest du mit dem Dolche, sprich!
Entgegnet ihm finster der Wüterich.
„Die Stadt vom Tyrannen befreien!“
Das sollst du am Kreutze bereuen.

Ich bin, spricht jener, zu sterben bereit,
Und bitte nicht um mein Leben,
Doch willst du Gnade mir geben,
Ich flehe dich um drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit
Ich lasse den Freund dir als Bürgen,
Ihn magst du, entrinn ich, erwürgen.

Da lächelt der König mit arger List,

Und spricht nach kurzem Bedenken:
Drei Tage will ich dir schenken.
Doch wisse! Wenn sie verstrichen die Frist,
Eh du zurück mir gegeben bist,
So muss er statt deiner erblassen,
Doch dir ist die Strafe erlassen.

Und er kommt zum Freunde: „Der König gebeut,
Dass ich am Kreuz mit dem Leben
Bezahle das frevelnde Streben,
Doch will er mir gönnen drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit,
So bleib du dem König zum Pfande,
Bis ich komme, zu lösen die Bande.“

Und schweigend umarmt ihn der treue Freund,
Und liefert sich aus dem Tyrannen,
Der andere ziehet von dannen.
Und ehe das dritte Morgenrot scheint,
Hat er schnell mit dem Gatten die Schwester vereint,
Eilt heim mit sorgender Seele,

Damit er die Frist nicht verfehle.

Da gießt unendlicher Regen herab,
Von den Bergen stürzen die Quellen,
Und die Bäche, die Ströme schwellen.
Und er kommt an’s Ufer mit wanderndem Stab,
Da reisset die Brücke der Strudel hinab,
Und donnernd sprengen die Wogen
Des Gewölbes krachenden Bogen.Und trostlos irrt er an Ufers Rand,
Wie weit er auch spähet und blicket
Und die Stimme, die rufende, schicket;
Da stößet kein Nachen vom sichern Strand,
Der ihn setze an das gewünschte Land,
Kein Schiffer lenket die Fähre,
Und der wilde Strom wird zum Meere.

Da sinkt er ans Ufer und weint und fleht,
Die Hände zum Zeus erhoben:
O hemme des Stromes Toben!
Es eilen die Stunden, im Mittag steht
Die Sonne und wenn sie niedergeht,
Und ich kann die Stadt nicht erreichen,
So muß der Freund mir erbleichen.

Doch wachsend erneut sich des Stromes Wuth,
Und Welle auf Welle zerrinnet,
Und Stunde an Stunde entrinnet,
Da treibet die Angst ihn, da faßt er sich Mut
Und wirft sich hinein in die brausende Flut,
Und theilt mit gewaltigen Armen
Den Strom, und ein Gott hat Erbarmen.

Und gewinnt das Ufer und eilet fort,
Und danket dem rettenden Gotte,
Da stürzet die raubende Rotte
Hervor aus des Waldes nächtlichem Ort,
Den Pfad ihm sperrend, und schnaubet Mord
Und hemmet des Wanderers Eile
Mit drohend geschwungener Keule.

Was wollt ihr? ruft er für Schrecken bleich,
Ich habe nichts als mein Leben,
Das muß ich dem Könige geben!
Und entreißt die Keule dem nächsten gleich:
Um des Freundes Willen erbarmet euch!
Und drei, mit gewaltigen Streichen,
Erlegt er, die andern entweichen.

Und die Sonne versendet glühenden Brand
Und von der unendlichen Mühe
Ermattet sinken die Knie:
O hast du mich gnädig aus Räubershand,
Aus dem Strom mich gerettet ans heilige Land,
Und soll hier verschmachtend verderben,
Und der Freund mir, der liebende, sterben!

Und horch! da sprudelt es silberhell
Ganz nahe, wie rieselndes Rauschen,
Und stille hält er zu lauschen,
Und sieh, aus dem Felsen, geschwätzig, schnell,
Springt murmelnd hervor ein lebendiger Quell.
Und freudig bückt er sich nieder,
Und erfrischet die brennenden Glieder.

Und die Sonne blickt durch der Zweige Grün,
Und mahlt auf den glänzenden Matten
Der Bäume gigantische Schatten,
Und zwei Wanderer sieht er die Straße ziehn,
Will eilenden Laufes vorüber fliehn,
Da hört er die Worte sie sagen:
„Jetzt wird er ans Kreuz geschlagen.“

Und die Angst beflügelt den eilenden Fuß,
Ihn jagen der Sorge Qualen,
Da schimmern in Abendrots Strahlen
Von ferne die Zinnen von Syrakus,
Und entgegen kommt ihm Philostratus,
Des Hauses redlicher Hüter,
Der erkennet entsetzt den Gebieter:Zurück! du rettest den Freund nicht mehr,
So rette das eigene Leben!
Den Tod erleidet er eben.
Von Stunde zu Stunde gewartet’ er
Mit hoffender Seele der Wiederkehr,
Ihm konnte den muthigen Glauben
Der Hohn des Tirannen nicht rauben.

Und ist es zu spät, und kann ich ihm nicht
Ein Retter willkommen erscheinen,
So soll mich der Tod ihm vereinen.
Des rühme der blutge Tyrann sich nicht,
Dass der Freund dem Freunde gebrochen die Pflicht,
Er schlachte der Opfer zweie,
Und glaube an Liebe und Treue.

Und die Sonne geht unter, da steht er am Tor
Und sieht das Kreuz schon erhöhet,
Das die Menge gaffend umstehet,
An dem Seile schon zieht man den Freund empor,
Da zertrennt er gewaltig den dichten Chor:
„Mich Henker! ruft er, erwürget,
Da bin ich, für den er gebürget!“

Und Erstaunen ergreifet das Volk umher,
In den Armen liegen sich beide,
Und weinen für Schmerzen und Freude.
Da sieht man kein Auge tränenleer,
Und zum Könige bringt man die Wundermähr,
Der fühlt ein menschliches Rühren,
Läßt schnell vor den Thron sie führen.

Und blicket sie lange verwundert an,
Drauf spricht er: Es ist euch gelungen,
Ihr habt das Herz mir bezwungen,
Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn,
So nehmet auch mich zum Genossen an,
Ich sei, gewährt mir die Bitte,

In eurem Bunde der dritte.

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