Herr Weilchei

„Absurd, einfach absurd.“, brummt Herr Weilchei vor sich hin. Das Ganze schon seit einer Viertelstunde. Eben gerade kommt er mit seinem Netzbeutel vom Einkaufen zurück. Erst sucht er schier endlos seinen Geldbeutel, dann tritt er noch in den Kackehaufen eines dieser blöden Straßenköter. Warum braucht auch in der Stadt einen Hund?! Und jetzt ist sein Hausschlüssel weg.

Kopfschütteln sucht er den Gehsteig ab, blickt hinter den Blumenkübel und setzt sich schließlich auf die Haustürstufe. Es ist zu heiß, um sich aufzuregen. Das steht ihm in seinem Alter auch nicht mehr zu, findet er. Die Gelassenheit eines ganzen Lebens kann man ihm vom Gesicht ablesen. Die Sonne brennt die Stadt derzeit scheinbar in Grund und Boden.

So auf Höhe der Kniescheiben der Passanten registriert Herr Weilchei, wer es eilig hat, wer schlurft und wer stöckelt.

Da schiebt sich ein Gesicht zwischen ihn und die attraktiven Stöckelungen wohlgeformter Beine. Ein ziemlich dreckiges Gesicht mit großen Augen und einem klebrigen Mund. „Warum sitzt Du da?“, fragt ein vielleicht fünf Jahre altes Mädchen. Sie starrt ihn weiter an mit einer unglaublichen Direktheit, wie Herr Weilchei findet. So hat sein Mädel auch mal geschaut. So direkt, keine Hintergedanken, ohne abzuschweifen, ehrlich und neugierig. „Weil ich keinen Schlüssel habe.“, sagt er.

Er träumt sich in die Augen dieses Mädchens – sie entführen ihn in eine längst vergessene Zeit. Er sitz wieder im Sandkasten, sieben Jahre alt. Die Sonne brennt sich durch den Juli und Klaus blockiert heute wieder die Schaukel. Tom, sein bester Freund, steht auf und fordert Klaus heraus: „Entweder du gibst jetzt mal ab, oder ich hau dich von der Schaukel!“ „Mach doch.“, erwidert Klaus trocken (man hört seiner Stimme ganz genau an, dass er sich da ziemlich sicher fühlt, auf der Schaukel). Das Geräusch der quietschenden Strippen wird schier unerträglich. Tom steht auf und blickt auf ihn, Thomas. Er schaut verlegen weg. Schaufelt das Sandförmchen voll und streicht schier endlos über den Rand des Förmchens, damit eine ganz glatte Sandfläche entsteht. Tom nimmt die Sache allein in die Hand. Wie genau, daran kann sich Thomas Weilchei nicht mehr erinnern, nur dass Tom sich an diesem Tag zu ihm umdrehte und sagte: „Das l kannste aus deinem Namen streichen.“

Das Mädchen wedelt Herrn Weilchei mit etwas vor den Augen herum. Er muss erst länger fokussieren, dann erkennt er einen Schlüssel, seinen Schlüssel. „Der lag da drüben bei der Schaukel auf dem Spielplatz.“, sagt das Mädchen. „Schenk ich Dir!“

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