Buch im Gepäck?!

Was ich auf Reisen mitnehme? Meine Lieblingskleider, einen Schirm für alle Fälle, meinen Bikini, um in jedes Nass auf meinem Weg in den Süden zu springen und die Ferienlektüre:

Alle Toten fliegen hoch – Joachim Meyerhoff:
Sehr unterhaltsamer Aufbruch des Autors ins Leben. Herrlich witzig und unglaublich beobachtend geschrieben.

Americanah – Chimamanda Ngozi Adichie:
Chimamanda Adichie erzählt von der Liebe zwischen Ifemelu und Obinze, die im Nigeria der neunziger Jahre ihren Lauf nimmt. Dann trennen sich ihre Wege: Die selbstbewusste Ifemelu studiert in Princeton, Obinze strandet als illegaler Einwanderer in London. Nach Jahren stehen sie plötzlich vor einer Entscheidung, die ihr Leben auf den Kopf stellt.

Das Lügenhaus – Anne B. Radge:
Eine Familiengeschichte. Über den drohenden Tod der Mutter kommt die Familie zusammen, entdeckt sich und erstaunliche Verhältnisse. Sehr spannend und irre detailliert geschrieben in einem schmalen Buch.

Wir sind doch Schwestern – Anne Gesthuysen:
Drei Schwestern, eine wird 100. Zurückblicken in das Deutschland zwischen den Kriegen, der Aufbau nach dem 2. Weltkrieg und das Treiben der Damen mittendrin. Erinnerungen an die eigene Familienhistorie sind unausweichlich.

Der Atem der Welt – Carol Birch:
Jaffy Brown wächst in ärmlichen Verhältnissen auf: Londons Docklands im Jahr 1857 stinken nach Moder und Unrat, sind bevölkert von Matrosen und Huren. Eines Tages begegnet Jaffy einem aus einer Menagerie entlaufenen Tiger, einem herrlichen Geschöpf auf geschmeidigen Pfoten. Eine Begegnung, die ihn in eine fremde, verheißungsvolle Welt voll exotischer Schönheit, wilder Tiere und wundersamer Geschöpfe versetzt.

Gehe hin, stelle einen Wächter – Harper Lee:
Vor Harper Lee schrecke ich erst zurück, mag ich doch keine zu sehr gehypten Autoren. Dieses Buch aber von ihr hat mich sehr bewegt. Es erzählt von der Rückkehr von Jean-Louise Finch nach Hause. Aus der aufgeklärten Großstadt kommend landet sie ziemlich hart in der kleinen Gemeinde auf dem Land, um festzustellen, dass ihr Vater ein rechtsextremer Fanatiker ist.

Mit den Kindern entdecke ich die Klassiker:
Die unendliche Geschichte – Michael Ende
Momo – Michael Ende
Das Märchen vom Einhorn – Otfried Preußler
Ronja Räubertochter – Otfried Preußler
Mio, mein Mio – Astrid Lindgren
Die Brüder Löwenherz – Astrid Lindgren

Hörbuch-Highlights für Kinder und lange Reisen:
Die drei ???
Die fabelhafte Mrs. Braitwhistle
Eine kurze Weltgeschichte für junge Leser
Die spannendsten griechischen Sagen
Der Tag, an dem ich cool wurde
Die große Hörbuchbox der nordischen Sagen
Die große Jules Verne-Box

 

 

Feeeeerien!

In Bayern sind wir ja manchmal nicht vorne mit dabei (eher ungewöhnlich für uns), aber nun endlich haben auch wir die letzte Schulwoche erreicht.

Was vor uns liegt, ein Teil der Republik schon hinter sich hat:

  • Ausschlafen, ja, auch mit Kindern möglich
  • kein Terminstress: „Beeil Dich, wir müssen schon seit 10 Minuten dort sein!“
  • Träumen ohne ermahnende Lehrerworte
  • Zeit, um sein Tun zu hinterfragen (das funktioniert bei mir nur bei genügend Abstand vom Alltagsgeschäft)
  • Abends lange wach sein
  • einen Bücherturm bauen (guter Tipp einer lieben Freundin): alle gelesenen Bücher der Familie summieren sich zu einem hohen Turm, nächste Ferien wird versucht diesen zu überbieten – unbedingt an das Beweisfoto denken
  • Zeit für Gemeinschaftsspiele; Hitliste bei uns: Schiffe versenken, Fang den Hut, Canasta, Monopoly Deal
  • Sandburgenwettbauen
  • Endlich einen Parkplatz in der Innenstadt finden
  • Kuscheln auf der Picknickdecke, im Bett – wo auch immer
  • Kinderkochen: eine Mahlzeit pro Woche wird von ihnen geplant, gekocht, gedeckt, aufgeräumt
  • Wandern
  • Freibad ab dem Vormittag mit Pommes und Eis
  • Sternschnuppen zählen

Highlights im Herbst:

  • kühleres Wetter
  • Oktoberfest!
  • Bundestagswahlen
  • Kaffeetrinken ohne Kinder 🙂

In eurem Bunde der dritte

Die Familie sitzt beim Frühstück beisammen. „Das war gestern ganz schön blöd vom Thomas.“, erzählt einer der Jungs, „Ich hab‘ ihm extra gesagt, dass er unser Geheimnis für sich behalten soll. Hat er aber nicht.“ Mit enttäuschter Schnute wendet er sich dem Marmeladenbrot zu. „Tja, das ist so ein Ding mit dem Geheimhalten und mit der Treue zum Freund.“, erkläre ich. „Wie war das noch gleich?“, fragt mein Mann, „Das mit dem ‚Hätt ich die Bitte, lasst mich sein in Eurem Bunde der Dritte‘?“

Ach genau, der Schiller, die Bürgschaft. Ich erzähle den Jungs am Tisch die Geschichte und sie hängen staunend an meinen Lippen:

„Da waren also zwei Freunde in Syrakus, die einen schrecklichen Herrscher hatte.“ „So ähnlich wie Trump?!“, fragt der 11-Jährige. „So ähnlich, nicht ganz so schlimm.“, antworte ich ein wenig verwundert. „Also, diesen Herrscher will der eine umbringen, dabei wird er aber festgenommen und soll gehängt werden.“ – Ungläubiges Staunen über eine solche Gewaltbereitschaft macht sich auf den Gesichtern der Jungs breit und freudige Erwartung wie gruselig es denn wohl weiter geht.

„Der eine sagt aber, dass er unbedingt noch nach Hause muss, um seine Schwester zu verheiraten, solange soll sein Freund da in Gefangenschaft bleiben, er löse ihn schon aus. Und genau so geschieht es.

Die Schwester heiratet, der Freund macht sich schleunigst auf den Weg zurück nach Syrakus, in der der andere gefangen sitzt. Aber der Rückweg ist schwer: Sturm und Regen lassen den Fluss anschwellen und zerstören die Brücke. Kein Schiff weit und breit zu sehen und das Wetter wird nicht besser. Todesmutig stürzt er sich in die Wogen des Flusses, kommt heil am anderen Ufer an und wird anschließend von Räubern überfallen. Mit unsagbarer letzter Kraft wehrt sich der Mann, während die Sonne sinkt und er an seinen Freund denken muss, der wahrscheinlich gerade zum Richtplatz geführt wird.

Die Schatten werden noch länger, als er die Straße zur Stadt einschlägt und ihm Leute entgegenkommen, die sagten: ‚Jetzt hängt er wohl schon.‘ Mit letzter Kraft rennt der Freund in die Stadt, ein anderer warnt ihn; ‚Du kommest eh zu spät, rette Dein eigenes Leben!‘ ‚Nichts da, wenn mein Freund stirbt, dann ich eben auch, alleine kann ich ihn nicht sterben lassen.‘ Er erreicht den Galgen und seinen Freund, der bereits die Schlinge um den Hals hat. Weinend fallen sich die Zwei in die Arme.

Ganz gerührt schaut der böse Herrscher ihnen zu und sagt, dass die Zwei sein hartes Herz erweicht haben, er nur noch Gutes tun möchte, weil er jetzt an die Liebe, Freundschaft und Treue glauben kann.“

Spannend, so eine Ballade.

Hier das Original:

Die Bürgschaft, Friedrich Schiller

Zu Dionys dem Tyrannen schlich
Möros, den Dolch im Gewande,
Ihn schlugen die Häscher in Bande.
Was wolltest du mit dem Dolche, sprich!
Entgegnet ihm finster der Wüterich.
„Die Stadt vom Tyrannen befreien!“
Das sollst du am Kreutze bereuen.

Ich bin, spricht jener, zu sterben bereit,
Und bitte nicht um mein Leben,
Doch willst du Gnade mir geben,
Ich flehe dich um drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit
Ich lasse den Freund dir als Bürgen,
Ihn magst du, entrinn ich, erwürgen.

Da lächelt der König mit arger List,

Und spricht nach kurzem Bedenken:
Drei Tage will ich dir schenken.
Doch wisse! Wenn sie verstrichen die Frist,
Eh du zurück mir gegeben bist,
So muss er statt deiner erblassen,
Doch dir ist die Strafe erlassen.

Und er kommt zum Freunde: „Der König gebeut,
Dass ich am Kreuz mit dem Leben
Bezahle das frevelnde Streben,
Doch will er mir gönnen drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit,
So bleib du dem König zum Pfande,
Bis ich komme, zu lösen die Bande.“

Und schweigend umarmt ihn der treue Freund,
Und liefert sich aus dem Tyrannen,
Der andere ziehet von dannen.
Und ehe das dritte Morgenrot scheint,
Hat er schnell mit dem Gatten die Schwester vereint,
Eilt heim mit sorgender Seele,

Damit er die Frist nicht verfehle.

Da gießt unendlicher Regen herab,
Von den Bergen stürzen die Quellen,
Und die Bäche, die Ströme schwellen.
Und er kommt an’s Ufer mit wanderndem Stab,
Da reisset die Brücke der Strudel hinab,
Und donnernd sprengen die Wogen
Des Gewölbes krachenden Bogen.Und trostlos irrt er an Ufers Rand,
Wie weit er auch spähet und blicket
Und die Stimme, die rufende, schicket;
Da stößet kein Nachen vom sichern Strand,
Der ihn setze an das gewünschte Land,
Kein Schiffer lenket die Fähre,
Und der wilde Strom wird zum Meere.

Da sinkt er ans Ufer und weint und fleht,
Die Hände zum Zeus erhoben:
O hemme des Stromes Toben!
Es eilen die Stunden, im Mittag steht
Die Sonne und wenn sie niedergeht,
Und ich kann die Stadt nicht erreichen,
So muß der Freund mir erbleichen.

Doch wachsend erneut sich des Stromes Wuth,
Und Welle auf Welle zerrinnet,
Und Stunde an Stunde entrinnet,
Da treibet die Angst ihn, da faßt er sich Mut
Und wirft sich hinein in die brausende Flut,
Und theilt mit gewaltigen Armen
Den Strom, und ein Gott hat Erbarmen.

Und gewinnt das Ufer und eilet fort,
Und danket dem rettenden Gotte,
Da stürzet die raubende Rotte
Hervor aus des Waldes nächtlichem Ort,
Den Pfad ihm sperrend, und schnaubet Mord
Und hemmet des Wanderers Eile
Mit drohend geschwungener Keule.

Was wollt ihr? ruft er für Schrecken bleich,
Ich habe nichts als mein Leben,
Das muß ich dem Könige geben!
Und entreißt die Keule dem nächsten gleich:
Um des Freundes Willen erbarmet euch!
Und drei, mit gewaltigen Streichen,
Erlegt er, die andern entweichen.

Und die Sonne versendet glühenden Brand
Und von der unendlichen Mühe
Ermattet sinken die Knie:
O hast du mich gnädig aus Räubershand,
Aus dem Strom mich gerettet ans heilige Land,
Und soll hier verschmachtend verderben,
Und der Freund mir, der liebende, sterben!

Und horch! da sprudelt es silberhell
Ganz nahe, wie rieselndes Rauschen,
Und stille hält er zu lauschen,
Und sieh, aus dem Felsen, geschwätzig, schnell,
Springt murmelnd hervor ein lebendiger Quell.
Und freudig bückt er sich nieder,
Und erfrischet die brennenden Glieder.

Und die Sonne blickt durch der Zweige Grün,
Und mahlt auf den glänzenden Matten
Der Bäume gigantische Schatten,
Und zwei Wanderer sieht er die Straße ziehn,
Will eilenden Laufes vorüber fliehn,
Da hört er die Worte sie sagen:
„Jetzt wird er ans Kreuz geschlagen.“

Und die Angst beflügelt den eilenden Fuß,
Ihn jagen der Sorge Qualen,
Da schimmern in Abendrots Strahlen
Von ferne die Zinnen von Syrakus,
Und entgegen kommt ihm Philostratus,
Des Hauses redlicher Hüter,
Der erkennet entsetzt den Gebieter:Zurück! du rettest den Freund nicht mehr,
So rette das eigene Leben!
Den Tod erleidet er eben.
Von Stunde zu Stunde gewartet’ er
Mit hoffender Seele der Wiederkehr,
Ihm konnte den muthigen Glauben
Der Hohn des Tirannen nicht rauben.

Und ist es zu spät, und kann ich ihm nicht
Ein Retter willkommen erscheinen,
So soll mich der Tod ihm vereinen.
Des rühme der blutge Tyrann sich nicht,
Dass der Freund dem Freunde gebrochen die Pflicht,
Er schlachte der Opfer zweie,
Und glaube an Liebe und Treue.

Und die Sonne geht unter, da steht er am Tor
Und sieht das Kreuz schon erhöhet,
Das die Menge gaffend umstehet,
An dem Seile schon zieht man den Freund empor,
Da zertrennt er gewaltig den dichten Chor:
„Mich Henker! ruft er, erwürget,
Da bin ich, für den er gebürget!“

Und Erstaunen ergreifet das Volk umher,
In den Armen liegen sich beide,
Und weinen für Schmerzen und Freude.
Da sieht man kein Auge tränenleer,
Und zum Könige bringt man die Wundermähr,
Der fühlt ein menschliches Rühren,
Läßt schnell vor den Thron sie führen.

Und blicket sie lange verwundert an,
Drauf spricht er: Es ist euch gelungen,
Ihr habt das Herz mir bezwungen,
Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn,
So nehmet auch mich zum Genossen an,
Ich sei, gewährt mir die Bitte,

In eurem Bunde der dritte.

Der Yoga-Reinfall

„Ohm, verneigt Euch vor Mutter Erde. Die Assoziation ist (immer): Liebe das Leben, ich nehme die Aufgaben an, die sich mir stellen. Ich liebe meinen Körper so, wie ich bin. Vater Sonne und Mutter Erde. Auf dass alle Lebewesen hier in Frieden und Eintracht leben können.“ Lächelnd verneigt sich unsere Yogalehrerin, um schließlich wieder in aufrechter Position ihre Hände vor dem Herzchakra zu vereinen.

Ich meine, ich gehe gerne ins Yoga, in „mein“ Yoga, zu „meiner“ Yogalehrerin, aber das hier ist etwas völlig Ver- und Entrücktes. Zu Beginn der Stunde werden wir unserem Geburtsdatum entsprechend in lunare und solare Atemtypen eingeteilt. Oh my god! Bei der anschließenden Atemübung schlafen meine Beine im Schneidersitz ein, so dass die sehr langsamen Sonnengrüße (wobei die einzelnen Positionen wiederum zu kurz gehalten wurden) endlich eine Yogastunde erahnen lassen. „Spürt die Euch umgebende Energie!“, säuselt sie. Die Energie um mich verdichtet sich zu Gewitterwolken.

So, das war es auch schon wieder. Nach den Sonnengrüßen heißt es hinlegen und nachspüren. Jetzt bin ich doch gerade erst warm geworden!! Eigentlich kommen jetzt die Standübungen (Krieger, Dreieck und so weiter). Hier ist nicht daran zu denken. Wir schaukeln auf dem Boden unser Becken aus, um anschließend die Heuschrecke und den Bogen durchzuführen.

Die Lehrerin ergießt sich in Beschreibungen der Asanas und deren mentale Wirkung auf uns. Bei mir verkrampft sich zusehens meine mentale Verfassung: „Wenn sie noch einmal Sonne, Liebe oder meine Herzoffenheit erwähnt, schmeiße ich ihr den Klotz ans Hirn!“, so durchfährt es mich. Vorteil beim Yoga: Immer wieder ein tiefes Durchatmen, das meine Gedanken entkrampft.

Die Stunde endet recht plötzlich, geschwitzt habe ich nur während des Versuches meine Tötungsabsichten zu verbergen. Die letzten Worte der Lehrerin: „Jeder Gedanke kommt einfach aus dem Nichts, wir sind nicht unsere Gedanken, wir glauben nur sie zu sein.“ Na, wenn sie wüsste. Ich rolle meine Matte zusammen und verlasse schmunzelnd den Yogaraum. Na, immerhin.

Wunderbares Yoga bieten in München:
Tivoli-Yoga
Patrick Broome
Yoga-Rertreats

Im Münchner Umland finden sich einige wunderbare Hotels mit Yoga-Workshops:
Schloss Elmau
Das Kranzbach
Posthotel Achenkirch

Leben

Da sitze ich nun und blicke aus dem Fenster. Die Welt dreht sich um mich herum und reißt mich mit in ihrer Geschwindigkeit. Ob ich nun will, oder nicht. Die Kinder schlafen, der Tag neigt sich seiner ruhigen Schwester entgegen. Sie fassen sich an den Händen und lassen den Übergang zur Dunkelheit an mir vorübergleiten. Da ist kein Bruch, kein Laut, nichts Plötzliches. So geht ein harter Tag doch weich zu Ende.

Ein Tag, der mich dazu zwang im Alltagsgeschäft innezuhalten. Es war ein Tag voller Trauer und doch so großer Dankbarkeit – und wann gestehen wir immerzu Beschäftigten uns diese Gefühle mit all ihrer Wucht ein? Heute hat dieser Tag mir all dieses ermöglicht. Auch dafür bin ich dankbar. Mich begleiteten sehr viele Freunde, ein wundervoller Pfarrer (Dekan Dr. Christoph Jahnel), wir alle einen Trauernden.

Die Wucht der Worte ließ uns unserer Momentaufnahme des Lebens bewusstwerden. Bei mir machte sich schier unendliche Traurigkeit für ungewollt zerrissene Familien breit. Das Leid der Hinterbliebenen. Und Dankbarkeit. Dankbarkeit für die Stunden und Tage, die wir mit unseren Liebsten verbringen dürfen, Dankbarkeit für die Schätze der Familie und Freunde, Dankbarkeit für mein Dasein. Es hat wirklich wehgetan und es ist so erschöpfend sich den essentiellen Fragen des Lebens zu stellen (das hatte ich wirklich vergessen!) und den einem richtig erscheinenden Weg dann auch zu gehen. Es fühlt sich gut an. Ich reiche meinem Mann die Hand.

Wer bin ich? Mache ich, was ich für richtig halte? Woher weiß ich, was ich für richtig halte? Wer liebt mich? Wen liebe ich? Was erwartet mich nach dem Tod? Wo genau schaut Gott hin?

Auf all diese Fragen gibt es nicht immer eine Antwort. Doch dass ER da oben uns anlächelt, ein gütiger Gott eben, das merkte ich, als ich feststellte, dass das Glaubensbekenntnis von meinem Kirchenbanknachbarn nicht mitgesprochen wurde, wohl aber das Vater unser.

Sisyphos

Ich schreite weiter. Die Last auf den Schultern.
Der Kopf ist hohl und so schwer.
Die Glieder schmerzen. Jeder Atemzug ist eine Qual.

Warum mache ich das alles hier? Wie bin ich hier gelandet?
Warum wollen die das alles von mir?
Es ist so schwer.
Wie eine dicke Wulst schlingen sich Erwartungen, Wünsche und Verlangen um mich.
Es ekelt mich an! Ich strecke und winde mich, versuche zu entkommen.

Laokoon, ich bin bei Dir!

Unbeeindruckt, unverrückbar gleiten sie schlangengleich wieder um mich, diese zu tuenden Taten für andere. Langsam, ganz langsam drohen sie mich zu ersticken. Das Moor der Traurigkeiten kommt mir in den Sinn. Resignieren?

Es ist zu schwer. Ich lasse los, wehre mich nicht mehr. Habe keine Kraft dafür. Gehe unter und beginne von vorne, bis die Zermalmung mich endgültig begräbt.

 

Anmerkung der Autorin:
Mir geht es gut. Dieser Beitrag beschäftigt sich mit dem Burnout-Syndrom, das in meinem Freundeskreis (erstaunlicher Weise bisher nur bei den working mums die Runde macht).

Bildquelle: www.mhpp.de 

In Erinnerung an eine wunderbare Frau

Wie jede Blüte welkt
und jede Jugend dem Alter weicht,
blüht jede Lebensstufe,
blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in and’re, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten!
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
und traulich eingewohnt,
so droht Erschlaffen!
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegen senden:
des Lebens Ruf an uns wird niemals enden.
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

von Hermann Hesse

Liebe Freundin, geh hin auf eine Wolke ohne Schmerzen, lass Deine Kinder erblühen und Deinen Mann nicht vor Gram gebeugt leben. Mach es gut.

Hurra, der Sommer kommt!

Und mit ihm die für mich stressigste Zeit des Jahres. Mein persönliches Jahr startet ja eigentlich immer im Herbst mit dem Schulbeginn: Jedes Kind braucht hektisch das, was auf dem rosa, äh blauen, äh, gelben Zettel steht. Am besten bis morgen, die Zeichensachen auch und passende Hausschuhe. Und das Ganze mal vier …

Tja, jetzt haben wir doch aber erst Juli?! Richtig und der Juli ist ein Höllenmonat: Falls man sich nämlich nach den Sommerferien auf wundersame Weise nicht mehr sehen sollte, müssen sich alle noch voneinander und von der Drittklasslehrerin verabschieden. Jede Institution wirbt für sich mittels eines Sommerfestes, so ganz entspannt, nur was Kleines – „… das geht aber nur mit Ihrer Mithilfe“, so tönt es aus dem Sportverein, der Grundschule, der Musikschule und der Theatergruppe (mein Doodle-Account läuft heiß).

Also sorgen abends nach der Arbeit, nach Referatsvorbereitung um noch Noten auszubügeln auch noch die Backöfen eines jeden Haushalts für zusätzliche Hitzegrade. Darin garen Cupcakes, Kuchen und Quiches. Die Nerven der Eltern liegen sowieso schon blank und die Temperaturen steigen weiter. Während der Kuchen bäckt bearbeite ich die vielen Zettel zur Ausflugsbegleitung, geändertem Schulende wegen des Sportfestes und denke darüber nach, mit welchem Angebot sich unsere Klasse auf dem Schulfest präsentieren könnte.

Abends falle ich müde ins Bett, der nächste Tag und die Woche sind mühsam organisiert, als mir mein Mann noch eine kleine Postkarte reicht: „Da, Schatz, wir sind eingeladen, dann kommst Du hier abends mal raus.“ Tränen steigen mir in die Augen – es ist die Einladung zum Sommerfest meines Schwimmvereins. Es solle in Buffet geben und jeder wird um einen kleinen Beitrag gebeten …

Herr Weilchei

„Absurd, einfach absurd.“, brummt Herr Weilchei vor sich hin. Das Ganze schon seit einer Viertelstunde. Eben gerade kommt er mit seinem Netzbeutel vom Einkaufen zurück. Erst sucht er schier endlos seinen Geldbeutel, dann tritt er noch in den Kackehaufen eines dieser blöden Straßenköter. Warum braucht auch in der Stadt einen Hund?! Und jetzt ist sein Hausschlüssel weg.

Kopfschütteln sucht er den Gehsteig ab, blickt hinter den Blumenkübel und setzt sich schließlich auf die Haustürstufe. Es ist zu heiß, um sich aufzuregen. Das steht ihm in seinem Alter auch nicht mehr zu, findet er. Die Gelassenheit eines ganzen Lebens kann man ihm vom Gesicht ablesen. Die Sonne brennt die Stadt derzeit scheinbar in Grund und Boden.

So auf Höhe der Kniescheiben der Passanten registriert Herr Weilchei, wer es eilig hat, wer schlurft und wer stöckelt.

Da schiebt sich ein Gesicht zwischen ihn und die attraktiven Stöckelungen wohlgeformter Beine. Ein ziemlich dreckiges Gesicht mit großen Augen und einem klebrigen Mund. „Warum sitzt Du da?“, fragt ein vielleicht fünf Jahre altes Mädchen. Sie starrt ihn weiter an mit einer unglaublichen Direktheit, wie Herr Weilchei findet. So hat sein Mädel auch mal geschaut. So direkt, keine Hintergedanken, ohne abzuschweifen, ehrlich und neugierig. „Weil ich keinen Schlüssel habe.“, sagt er.

Er träumt sich in die Augen dieses Mädchens – sie entführen ihn in eine längst vergessene Zeit. Er sitz wieder im Sandkasten, sieben Jahre alt. Die Sonne brennt sich durch den Juli und Klaus blockiert heute wieder die Schaukel. Tom, sein bester Freund, steht auf und fordert Klaus heraus: „Entweder du gibst jetzt mal ab, oder ich hau dich von der Schaukel!“ „Mach doch.“, erwidert Klaus trocken (man hört seiner Stimme ganz genau an, dass er sich da ziemlich sicher fühlt, auf der Schaukel). Das Geräusch der quietschenden Strippen wird schier unerträglich. Tom steht auf und blickt auf ihn, Thomas. Er schaut verlegen weg. Schaufelt das Sandförmchen voll und streicht schier endlos über den Rand des Förmchens, damit eine ganz glatte Sandfläche entsteht. Tom nimmt die Sache allein in die Hand. Wie genau, daran kann sich Thomas Weilchei nicht mehr erinnern, nur dass Tom sich an diesem Tag zu ihm umdrehte und sagte: „Das l kannste aus deinem Namen streichen.“

Das Mädchen wedelt Herrn Weilchei mit etwas vor den Augen herum. Er muss erst länger fokussieren, dann erkennt er einen Schlüssel, seinen Schlüssel. „Der lag da drüben bei der Schaukel auf dem Spielplatz.“, sagt das Mädchen. „Schenk ich Dir!“