Da steht ein Boot auf der Straße

Tatsächlich: Vor unserer Haustüre steht ein Boot auf der Straße. In München. Natürlich hat München so einige Seen rundum, aber so ein großes Segelboot? Ich betrachte das gute Stück, rieche Sonne, Salz und Wasser.

Vielleicht wird das Boot im Meer schwimmen? Durchpflügt die See mit starkem Rumpf, trotzt dem Sturm und erreicht Horizonte, trägt Hoffnungsträger zu ihrem Ziel, bietet Schutzsuchenden festen Halt – ein Rettungsboot?

Rettet die Welt vorm Ersticken des Nichtstuns, vorm Nichtwählen, Nichtentscheiden, keine Meinunghaben. Segelt dem allen davon, direkt hier von der Straße aus, von meiner Straße aus. Ich steige auf …

Der Steppenwolf

Harry Heller und seine Lebenskrise hat mich durch die Abnabelung von meinen Eltern begleitet. Zu sehen, dass ein 50jähriger Mann eine ebenso satte Existenzfrage mit sich herum trägt, hat mich damals erstaunlicherweise ermutigt. Auch Erwachsene wissen nicht alles, also kann ich mich ebenso (und deutlich frohgemuter) ins Leben stürzen.

Als der Roman 1927 erschien, gab es ein deutlich geteiltes Echo auf die Auseinandersetzung mit dem Bürgertum und die existentialistische Schilderung der Lebenskrise von Harry Haller. Von der Literaturkritik bereits bei Erscheinung gefeiert, wurde der Roman in den Folgen der 1960-Generation wiederentdeckt und steht in schriftstellerischer Experimentierfreude James Joyce „Ulysses“ in nichts nach.

Persönlich finde ich den Steppenwolf nachvollziehbarer (da kein stream of consciousness) und lese ihn gleich nach Der Fänger im Roggen nochmal. Eine bessere literarische Begleitung eines Teenagers kann ich mir nicht vorstellen.

Ode an die Pfingstferien

Vom Winde fährt heran der Wind;
Die Körner wehn, Meergräser schwanken.
Auf flücht’gem Meeressande sind
Unstet und flüchtig die Gedanken.

Wie dieser Sand vor Wind und Flut
Sich jagt in wirbelnden Gestalten,
So fährt und schweift mein irrer Mut,
Und keine Stätte kann ihn halten.

Ferdinand Freiligrath
Bild: Island

Ist Freiheit – ?

nervig? zukunftsfähig? überbewertet? unbesiegbar?

Ich weiß es nicht. Ich ahne nur, dass es sich in genau der richtigen Situation gut anfühlt genervt zu sein, in dem was kommt zu schwelgen, jetzt zu bewerten was ist und sich dabei durch und durch unbesiegbar zu fühlen.

Vielleicht macht es eben dies aus – Freiheit. Was für ein Geschenk!

Fragen über Fragen

Wir sitzen zusammen am Abendbrottisch. Ein Tag mit Schule, etwas Sport und Freunden geht zu Ende. So denke ich.

Denn mein geistiger Sport steht mir noch bevor, denn der Achtjährige ergreift das Wort: „Mami, wieso gibt es eigentlich Tag und Nacht?“ Souverän antworte ich: „Weil die Erde sich um die Sonne dreht und daher immer nur auf einer Erdhälfte die Sonne scheint.“

„Warum ist es denn im Sommer heiß und im Winter kalt?“, fragt der Zehnjährige weiter. „Die Erde dreht sich nicht in einem Kreis um die Sonne, sondern in einer Ellipse. Mal ist die Erde näher an der Sonne, mal weiter weg. Demnach ist es mal wärmer und mal kälter, mal Sommer und mal Winter.“ Stolz auf meine Antwort danke ich im Geiste meinem Erdkundelehrer.

Jetzt setzt aber der Älteste an: „Wie ist das denn mit der Zeit? Wer hat die denn in Stunden, Minuten und Sekunden eingeteilt? Wann wurde festgelegt, dass ein Tag zwölf Stunden hat?“ „Ähm, mal überlegen“, versuche ich selbst eine Minute Zeit zu schinden, „das weiß ich jetzt auch nicht so genau.“

Nach dem Abendessen schauen wir im Internet nach, stoßen auf verschiedenste Antworten und es ergeben sich eher mehr Fragen als Antworten. Was ist eine Quelle? Was ist eine gute Quelle im WorldWideWeb? Warum muss ich denn sagen wo ich was gefunden habe?

Tja, nach meinem Gefühl lernen die Kinder heute wesentlich transparenter mit ihrer Meinung und der anderer Leute umzugehen.

Bildquelle: www.medicalnewstoday.com

Schnee auf dem Kilimandscharo

– von Ernest Hemingway

Warum denn der? Weil die alten Säcke uns jungen Hasen durchaus was beibringen können. Für mich haben Kurzgeschichten so etwas persönlich unverstelltes wie Tuscheskizzen eines Künstlers: pur, unverfälscht, ohne Tünche.

Hier: Ein alter Mann flüchtet vor der Einsamkeit in ein Café. In einem Kinderzimmer wartet ein kleiner Junge einen ganzen Tag lang auf den Tod. In einem Krankenhaus wird ein Radio zum Tor der Welt, und in der afrikanischen Steppe kämpft ein Mann gegen die Angst vor dem Löwen – und um seine Ehre.

Hemingways Kurzgeschichten gehören zum Besten, was die Literatur des 20. Jahrhunderts zu bieten hatte. Seine Sprache ist knapp, unverfälscht und ehrlich, der Ton hart, konturenreich und weich zugleich.

Meine dringende Empfehlung: Schnee auf dem Kilimandscharo – den will ich übriges in nächster Zeit besteigen (Bericht folgt mit Sicherheit).

Vier Wochen ohne …

Ich liebe mein Auto. Es stellt für mich Freiheit, Unabhängigkeit und die Gewissheit bei jeder Lebenslage nach Hause zu kommen dar.
Blitz! Das war es. So ein Sch …!! Na ja, so schlimm wird es nicht werden. Oder doch?! Einige Wochen später habe ich die Gewissheit: Vier Wochen ohne Führerschein, etliche Euros zu zahlen und einen Punkt im guten, alten Flensburg. Ob man das mal computerhacken kann? Kann man dazu jemanden beauftragen so wie einen Killer in amerikanischen Filmen?

Immerhin habe ich einige Zeit, um mir zu überlegen wann ich den Lappen abgebe. Jetzt ist es aber soweit. Es führt kein Weg drum herum und ich schleiche zur örtlichen Polizeistation. Ob die überhaupt wissen was sie einer vierfachen Mutter da antun?! Meine komplette Alltagsroutine steht Kopf!

Ein bisschen konnte ich vorsorgen: Großeinkauf im Superstore (Waschmittel, Olivenöl, Klopapier und Reis stapeln sich im Keller), letztes Mal zum geliebten Wertstoffhof meines Vertrauens mit allen Papierverpackungen, die die Tonne nicht mehr schlucken will und zur Reinigung. Jetzt kann doch nichts mehr schief gehen, oder?

Es kann. Das Wetter spielt Weltuntergang, das Fahrrad wird vom Ältesten geschrottet und mein Mann weilt im Ausland – uagh!

Zwangspause, durchatmen, planen (also aufstehen, Krone richten, weiter reiten). Der örtliche Supermarkt bietet kostenloses Onlineshopping an und die Karte des öffentlichen Nahverkehrs macht sich endlich bezahlt. Selbst das Wetter wird sommerhaft. Die Kinder entdecken ihre Selbständigkeit durch Bus und Tram, ich die andere Freiheit der abendlichen Weißweinschorle (fahre ja nicht, prost!). Im Großen und Ganzen komme ich erstaunlich gut über die Runden, nur einer fehlt mir: der Wertstoffhof und die Jungs in ihren orangen Latzhosen.

Alles, was ich über das Leben wissen muss …

… habe ich von Noahs Arche gelernt:

  1. Das Boot nicht verpassen.
  2. Vergiss nicht, dass wir alle im gleichen Boot sitzen.
  3. Plane im Voraus – es regnete noch nicht, als Noah die Arche gebaut hat.
  4. Bleibe fit – es könnte sein, dass Dich, wenn Du einmal 600 Jahre alt bist, jemand bittet, etwas wirklich Großes zu tun.
  5. Höre nicht auf die Kritiker, sondern tue einfach die Arbeit, die getan werden muss.
  6. Um der Sicherheit willen, reise immer paarweise.
  7. Baue Deine Zukunft auf hohem Niveau.
  8. Geschwindigkeit ist nicht immer von Vorteil – die Schnecken waren genauso an Bord wie die Geparde.
  9. Wenn Du gestresst bist, lass Dich eine Weile treiben.
  10. Erinnere Dich daran, dass die Arche von Amateuren gebaut wurde, die Titanic hingegen von Profis.
  11. Denk Dich daran, dass die Spechte, die sich an Bord befinden, wesentlich gefährlicher sein könnten, als ein Sturm, der draußen tobt.
  12. Egal wie mächtig der Sturm tobt, mit Gott auf Deiner Seite wartet immer ein Regenbogen auf Dich.

Bild: Die Arche auf dem Berg Ararat von Simon de Myle (1570)