Der Drache in uns

Die Sonne kitzelt mich auf der Haut, der Moment der Ruhe ist kurz und fühlt sich umso kostbarer an. Die Kinder hüpfen auf dem Trampolin im Garten. Ich sitze am Tisch. Meine Arme liegen verschränkt auf der Tischplatte, mein Kinn ist auf die Unterarme gestützt.

Mit geschlossenen Augen atme ich die Sonnenwärme ein, höre die Vögel und meine Söhne. Auf einmal ist die gute Stimmung dahin. Es wird geschrien, gestritten und sich geärgert – meist wegen einer Kleinigkeit. Und dann, noch ehe ich mich einmischen kann (es dauert etwas, bevor ich mich aus meiner Sonnenanbetung lösen kann), passiert es: Die zwei Streithähne geben sich die Hand, schauen sich in die Augen und sagen: „Vergeben und Vergessen.“ Weiter geht das lustige Spiel.

Dieses „Vergeben und Vergessen“ ist unser Ritual, das am Ende von ausgeräumten Streitigkeiten immer angewendet wird, um Friede zu schließen und Vergangenes nicht noch einmal hochkochen lässt. Mitunter kann es Stunden dauern, bis beide Parteien – dank Schlichtern – dazu bereit sind. Wie wunderbar, dass heute ein Eingreifen von meiner Seite nicht notwendig war!

Ein anderes Ritual in unserer Familie ist das der „Gustav-Geschichte“. Abends, wenn die müden Kinder sich endlich ins Bett begeben, kommt die Frage: „Erzählst Du uns eine Gustav-Geschichte?“ Gustav ist ein kleiner Junge, etwa ein Jahr älter als unser Größter. Dieser Gustav lebt natürlich in München, hat eine große Schwester und trainiert leidenschaftlich Fußball beim FC Bayern. Diese Geschichten fangen immer gleich an: „Gustav steht auf und schaut aus dem Fenster. Ein wunderbarer Sommertag beginnt …“

Erstaunlicherweise erlebt Gustav Dinge, die meine Kinder den Tag über beschäftigt haben. Da geht es ums Teilen, Abgeben, Verzeihen, die eigene Großzügigkeit und ums Helfen. Natürlich hat Gustav oft mit Schwierigkeiten in seinem Alltag zu kämpfen, die er aber immer irgendwie meistern kann und die sich ins Gute kehren. Dabei steht ihm sein Freund Max Nasenpopler zur Seite. Dies ist ein Drache im Wald hinter dem Haus, der oft und gerne in der Nase popelt. Gustav findet das ein wenig widerlich, aber diese Eigenart gehört nun mal zu seinem Freund. Dieser Drache kann Gustav immer retten, fortbringen und wieder nach Hause geleiten.

Ach, hätten wir alle nur solch einen Drachen im Alltag an unserer Seite! Heute, auf dem Trampolin und der selbst zustande gebrachten Versöhnung meiner Söhne, da hat mir Max Nasenpopler zugezwinkert und geflüstert: „Das wird schon, sie werden alle wunderbar groß.“ Vielleicht ist das mit den Ritualen doch ganz hilfreich und wir sollten mehrere davon in unseren Alltag integrieren.

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