Ein Spaziergang über die Wiese

Mein Blick streift über die frisch ergrünten Bäume, während ich über die taufeuchte Wiese gehe. Der morgendliche Spaziergang mit Hund ist dran. Hinter mir liegen bereits 2 1/2 Stunden Hausarbeit mit dem obligatorischen Familienwahnsinn.

Jetzt hingegen sind nur der Hund und ich unterwegs. Zeit, um Pläne für den Tag zu schmieden, die Sonne auf dem Gesicht zu genießen, die Gedanken schweifen zu lassen.

Sie bleiben hängen bei einem Wort, das ich gestern von einer Freundin gehört habe: „Wohlstandsverwahrlosung“. Ist es so, dass unsere Kinder in Möglichkeiten, Geld und iPads schwimmen ihnen aber dabei der Anstand und die Moral abhanden gekommen sind?

Es würde erklären, warum im Religionsunterricht der dritten Klasse Grundschule das absolute Chaos herrscht, warum ein Schüler im Bus seinen Turnbeutel liegen lässt, weil der „Clash Royal“-Angriff auf dem Handy noch nicht beendet ist. Es würde erklären, warum die zweite Sportlehrerin dabei ist das Handtuch zu werfen und die Mobbing-Raten nach oben schnellen.

Also was ist diese Wohlstandsverwahrlosung? Eltern, die ihre Kinder fast haben verhungern lassen, weil sie sich nicht vom Computerspiel losreißen konnten. Kinder, die noch nie barfuß über eine Wiese gegangen sind, keinen Purzelbaum mehr können und noch nie von Bocksprüngen gehört haben. In den Medien häufen sich diese reißerischen, unglaublichen und absonderlichen Nachrichten.

Wohlstandsverwahrlosung ist das Armutszeugnis reicher Eltern, so die Meinung der Experten (welcher Experten?). Kinder im „sicheren“ Umfeld: einer schmucken Wohnung, einer Putzfrau, Nachhilfestunden und Sporteinheiten, selbstverständlich einem Smartphone, aber innerlicher Leere. Die elterliche Zuwendung fehlt zu oft. Die Wochenenden sind angefüllt mit Partys, Arbeit und Veranstaltungen zu denen die lieben Kleinen kutschiert werden müssen. Andererseits wird erwartet, dass die Eltern Vollzeit arbeiten, die Kinder in Tageseinrichtungen untergebracht sind und das ach so gute pädagogische Personal sich um den Nachwuchs kümmert.

Mir zerreißt es dabei die Brust – natürlich muss ein selbstbestimmtes Leben mit Arbeit und beruflichem Erfolg genauso in unsere Alltage passen, wie Zeit zusammen zu sitzen und zu essen, Brettspiele zu spielen, gemeinsam einen Film zu schauen oder spazieren zu gehen.

Vielleicht ist nicht die Quantität der gemeinsam verbrachten Zeit, sondern deren Qualität.

Ein Gedanke zu “Ein Spaziergang über die Wiese

  1. ama schreibt:

    absolut korrekte schlussfolgerung !
    viele eltern sind selbst überfordert – und/oder machen es sich einfach, wenn sie den kindern freie hand lassen
    kinder wollen führung (in maßen) und sie brauchen führung (um ihr rückgrat zu entwickeln)
    sie müssen die tolle mit-freude über einen erfolg von seiten der eltern genauso spüren, wie sie eine vernünftige frust-toleranz entwickeln müssen! – keine leichte gratwanderung! aber lohnend!!!!!

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