Erste Liebe

Sie sitzen in der gleichen Straßenbahn. Aus den Augenwinkeln kann er sie beobachten, während er so tut, als ob er auf das Display seines Phones schaut. Sie unterhält sich mit einer Freundin. Er mag es, wie sie ihren Kopf neigt, ihr langes Haar schüttelt, die Hände lebhaft bewegt, wenn sie spricht. Der Reiz liegt in ihren so ruhigen Augen. Braun und tief. Da ist kein Zucken von Liedern und Wimpern, da scheint die Welt still zu stehen, wenn man sich in ihnen verliert.

Zu gerne würde er Stunden lang in sie versinken und Ruhe schöpfen. Die Bahn fährt ruckelnd wieder an. Sein Handy vibriert: „Wo bist Du??“, schreibt seine besorgte Mutter. Er reagiert  nicht darauf. Sie kann warten.

Gleich muss er aussteigen und diesen kostbaren Moment ziehen lassen. In der Schule traut er sich nicht sie anzusprechen, aber jetzt hat er sie ganz für sich alleine. Na ja, abgesehen von ihrer Freundin. Aber eigentlich gefällt ihm das stille beobachten besser, als die Vorstellung sich mit ihr unterhalten zu müssen.

Damit ihn sein Freund David neben ihm nicht anspricht hat er sich die Kopfhörer eingestöpselt, aber Musik hört er keine. Er will ja ihre Stimme hören: tief und ruhig ist sie, angenehm unhektisch. Das unterscheidet sie von den anderen Girls. Sie scheint reifer als die meisten anderen, obwohl sie eine Klasse unter ihm ist.

Die Bahn wird wieder langsamer. Er steht auf, schaut sie nicht an, stellt sich aber nah an sie heran. Seine Jacke berührt ihren Arm. Erst redet sie weiter, die Tram steht, die Türen öffnen sich und da hält sie inne. Ihr Ellenbogen an ihn gelehnt. Sie schaut auf und er herab. Von hinten wird er geschoben und er tritt aus der Bahn. Kälte umgibt ihn. Die Bahn fährt an, der Zauber ist verloren.

Jetzt startet er die Playlist und es ertönt Cro. Aber im Gegensatz zu Cro sieht er sie morgen wieder. Dieser Gedanke trägt ihn durch die Nacht, hält ihn warm.

Ein Gedanke zu “Erste Liebe

  1. Andra Spallart schreibt:

    sehr schön… es ist erwiesen, dass wenn wir Ruhiges denken, atem und herzschlag ruhiger werden – der mantra-trick klappt also auch im bus, wenn man die welt kurz anhalten möchte…

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