Das beste Selfie ever

Dieser neue Trend  nur noch Fotos von sich selber zu machen, geht völlig an mir vorbei. Und zwar deshalb, weil ich wirklich so einiges kann (Organisieren, Schreiben, praktisch ungeheuerliche Kompetenzen aufweise, Reiten, Kochen, Lektorieren, Chef vom Dienst sein …) – aber besonders gut sehe ich dabei nicht wirklich aus.IMG_6201.jpg

Ob man mich nun in Mitten meiner Kinder fotografiert, oder während ich ein Zimmer streiche, ein Dirndl trage,  in Reithosen dastehe oder am Sportplatz meine Kinder zurechtweise. Das Foto wird sicherlich hübsch, aber ich darauf never! Meine Hand drauf.

Auch komme ich mit diesen Selfie-Posen nicht wirklich zu recht. Weder lau
fe ich ständig mit Kussmündchen herum, noch mit lächelnd herausgestreckter Zunge, um meinem Gesicht eine leichte Fratze zu geben und dadurch mein Normalgesicht von vornherein zu verstellen (damit keiner sagen kann, dass ich nicht gut aussehe – das weiß eh jeder).

IMG_7981.jpg

Erst neulich haben wir aus der Mädelsrunde heraus ein Selfie gemacht (ich war nicht die Initiatorin), um eine kranke Freundin zu erheitern. Diese hat auch sicherlich gelacht, denn wir hatten wirklich Spaß im Halbdunkel des Restaurants und das ist auf dem Bild zweifelsohne zu erkennen.

Und wie mache ich nun das beste Selfie ever? I don’t know. Ich blicke in den Spiegel, freue mich des Lebens und lass mich von anderen fotografieren – dann hab ich wenigstens einen Schuldigen, wenn das Bild mal wieder misslungen ist.

IMG_9428.jpg

Erste Liebe

Sie sitzen in der gleichen Straßenbahn. Aus den Augenwinkeln kann er sie beobachten, während er so tut, als ob er auf das Display seines Phones schaut. Sie unterhält sich mit einer Freundin. Er mag es, wie sie ihren Kopf neigt, ihr langes Haar schüttelt, die Hände lebhaft bewegt, wenn sie spricht. Der Reiz liegt in ihren so ruhigen Augen. Braun und tief. Da ist kein Zucken von Liedern und Wimpern, da scheint die Welt still zu stehen, wenn man sich in ihnen verliert.

Zu gerne würde er Stunden lang in sie versinken und Ruhe schöpfen. Die Bahn fährt ruckelnd wieder an. Sein Handy vibriert: „Wo bist Du??“, schreibt seine besorgte Mutter. Er reagiert  nicht darauf. Sie kann warten.

Gleich muss er aussteigen und diesen kostbaren Moment ziehen lassen. In der Schule traut er sich nicht sie anzusprechen, aber jetzt hat er sie ganz für sich alleine. Na ja, abgesehen von ihrer Freundin. Aber eigentlich gefällt ihm das stille beobachten besser, als die Vorstellung sich mit ihr unterhalten zu müssen.

Damit ihn sein Freund David neben ihm nicht anspricht hat er sich die Kopfhörer eingestöpselt, aber Musik hört er keine. Er will ja ihre Stimme hören: tief und ruhig ist sie, angenehm unhektisch. Das unterscheidet sie von den anderen Girls. Sie scheint reifer als die meisten anderen, obwohl sie eine Klasse unter ihm ist.

Die Bahn wird wieder langsamer. Er steht auf, schaut sie nicht an, stellt sich aber nah an sie heran. Seine Jacke berührt ihren Arm. Erst redet sie weiter, die Tram steht, die Türen öffnen sich und da hält sie inne. Ihr Ellenbogen an ihn gelehnt. Sie schaut auf und er herab. Von hinten wird er geschoben und er tritt aus der Bahn. Kälte umgibt ihn. Die Bahn fährt an, der Zauber ist verloren.

Jetzt startet er die Playlist und es ertönt Cro. Aber im Gegensatz zu Cro sieht er sie morgen wieder. Dieser Gedanke trägt ihn durch die Nacht, hält ihn warm.

Gefunden

Ich ging im Walde
So vor mich hin,
Und nichts zu suchen,
Das war mein Sinn.

Im Schatten sah ich
Ein Blümlein stehn,
Wie Sterne blinkend,
Wie Äuglein schön.

Ich wollt es brechen,
Da sagt‘ es fein:
Soll ich zum Welken
Gebrochen sein?

Mit allen Wurzeln
Hob ich es aus,
Und trugs zum Garten
Am hübschen Haus.

Ich pflanzt es wieder
Am kühlen Ort;
Nun zweigt und blüht es
Mir immer fort.

Johann Wolfgang von Goethe

 

Mehr Frühling für Kinder und Erwachsene: 

Es wird Frühling, Liselotte, Alexander Steffensmeier
Frühlingswimmelbuch, Rothraut Susanne Berner
Etwas von den Wurzelkindern, Sybille von Olfers
Frühlingserwachen, Frank Wedekind
Und wie schön ist noch die Welt, Frühlingsgedichte, Matthias Reiner, Isolde Ohlbaum

To Do-Listen

Wer lebt heute noch ohne?

Mein Handy ist voll solcher Listen: Wichtige Dinge, die SOFORT erledigt werden müssen (Geburtstagsplanung für Kind No. 2), Geschenkelisten für Kinder, Familie und Freunde, Listen über Ausflugsziele (Klettersteig Rofan am Achensee), noch zu lesende Literatur und eine über die Kleidergrößen meiner Kinder mit entsprechenden Anmerkungen wer was zum Sommer hin braucht.

Mehr als den Verlust meines Handys schreckt mich die Vorstellung, dass meine Listen einfach gelöscht werden könnten!

In dem wunderbaren Film „Der ganz normale Wahnsinn“ (Working Mum), liegt die Protagonistin auf dem Bett und kann nicht abschalten vom täglichen Kampf ihrer Work-Life-Balance. Diese gerät auch ordentlich in Schieflage. Was ihr scheinbar den Kopf frei hält, sind ihre zum Teil imaginären To Do-Listen. So, als ob sich das zu Geschehende ordnen, gruppieren und so einfach abhandeln lassen würde.

Diese Listen kenn ich. Und ich kenne auch diese fiesen kleinen Vorkommnisse, die mich zwingen meine Listen den äußeren Umständen ständig anzupassen.
So langsam frage ich mich, ob diese Dinger mir das Arbeiten erleichtern oder erschweren?!

Was wäre, wenn ich sie bewusst alle lösche? Ist das eine panische Vogel-Strauß-Taktik, oder enthebt mich das sämtlicher Verantwortungen? Das, was wirklich wichtig ist, wird schon wieder aufs Tableau kommen.

Oder ist das wishful thinking?

Ohne Worte Ohne

Ein typischer Sonntagvormittag bei uns zu Hause?
Ich steh mit den Kindern auf, mache das Frühstück, versuche zu lesen stelle eine Waschmaschine an. Dann wird ein bisschen Streit geschlichtet, Kinderpos sauber gemacht, vorgelesen und Tee getrunken.

Mein Mann? Erst einmal bleibt er ein bisschen liegen, dann steht er auf und macht seinen Sport. Wenn ich Glück habe setzt er sich noch auf eine Tasse Tee zu mir an den Frühstückstisch.

Anschließend wird der Computer oder das iPad geöffnet und er verabschiedet sich in seine digitale Welt. Ob neben ihm Kinder Sofakissen mit Kugelschreiber bemalen, zwei Brüder sich versuchen totzuschlagen oder das Kinderzimmer verwüstet wird, geht an ihm vorbei. Abends sagt er dann:

„Hach, wie schön eine solche Familie zu haben! Und wie unkompliziert die Kinder schon geworden sind …“ Ohne Worte starre ich meinem Mann über die Teetasse hinweg an.

Wofür ich Trump dankbar bin

Heute Abend ist Mädelsabend.

Endlich mal wieder ausgehen! Wir tauschen – ähnlich wie Aschenputtel – unser Arbeitsbekleidung, bestehend aus Jeans und T-Shirt, gegen die einst viel öfter getragenen Röcke und feinen High Heels.

Keine Kinderspucke und Karottenbreireste mehr auf Hals und Hosenbein, sondern Makeup, Schmuck und schicke Tücher zieren uns. Was uns aber viel schwerer fällt ist unser wahres Ich hervorzukramen, vom Staub der Zeit zu befreien und mit unserem jetzigen Sein zu koppeln. Da sind wir endlich raus aus der Tretmühle des Alltags, lassen diese aber geistig oft genug nicht hinter uns, sondern verfangen uns immer wieder in ihr.

Da geht es um kleinliche Schulnöte, unfähige Kinderärzte und die tollen Äußerungen des Heranwachsenden. Wenn diese Themen nicht erschöpfen, dann kommt unweigerlich die vollwertige Bioküche um die Ecke. Boah! Da bin ich ja fast schon froh, dass Trump es jetzt jeder Mama ermöglicht sich auch zur Tagespolitik zu äußern … Seufz!

Bild: de.depositphotos.com

München

Ich liebe Dich bei Tag und bei Nacht,
wenn der Isar Strand hoch wallt,
Grillen zirpen, Deine Musik erschallt
und der Touristenstrom Deine Altstadt unsicher macht.

Was hübsch am Tag, wird prächtig im Dunkel;
kein Gebäude so hoch wie des Königs Residenz da,
ruht Alt und Jung im Mondgefunkel;
und Seelenfrieden findet, wer Ruhe sah.

Kein Glanz erlischt in polierten Scheiben;
in seine Fluren liegt das Städtlein gebettet;
voll Hoffnung auf das kommende Treiben,
und von Gottes heiliger Hand gerettet.

Nach einem Gedicht von Christian Morgenstern
Foto: http://www.kartenhimmel.de