Augen heilen, Augen helfen

Überlegungen von Leon Wurmser zum Text „Die Maske der Scham“ :

„Sein eigenes ‘magisches Auge’ war vonnöten, um das verlorene Gesicht seiner Mutter wiederzufinden und, ein für alle Male, durch die magische Kraft seines Ausdruckvermögens die Wunde des Liebesunwertes zu heilen. Das gesuchte Auge selbst besaß ebenfalls eine solch magische Wirkung durch die Augen. Es lockte, bewunderte – und versprach heilende Liebe. Die Liebe findet ihr Heim im Gesicht, in seiner Schönheit, in der Musik der Stimme und der Wärme des Auges. Liebe wird durch das Gesicht bewiesen, und dasselbe geschieht mit dem Liebesunwert – der durch Sehen und Hören, durch Gesehen- und Gehörtwerden bewiesen wird.

Ich möchte dem Text hinzufügen: durch das verachtende Sehen, das be-strafende und neidische oder eifersüchtige Auge, durch die anklagende Stimme, und vor allem durch das Nichtgesehen- und Gehörtwerden als der, der man ist.

Ein Kind kann ohne Brust geliebt werden, aber Liebe ohne Gesicht und Musik ist unmöglich … Liebesunwert sein heißt, kein antwortendes Auge zu erblicken und keine erwidernde Stimme zu vernehmen, wie sehr man beides auch suche.

Das Sich zeigen wie das Wahrnehmen werden in regressiver, archaischer Phantasie selbst zu Mitteln von Verschmelzung und Vernichtung, das Auge wird eine Quelle magischer Macht von Sexualität und Aggression. Neugier und Faszination, das Sichdarstellen und zeigen üben dann gewaltige Wirkung aus von Verführung und von Rache. Das hören wir heraus in Heines Lorelei: ‚Meine Augen sind zwei Flammen, mein Arm ein Zauberstab.'“

Leon Wurmser, Psychoanalytiker, ist Schweizer und lebt in Baltimore

 

es gibt dich.
dein Ort ist
wo Augen dich ansehn.
wo sich Augen treffen
entstehst du.

von einem Ruf gehalten
immer die gleiche Stimme,
es scheint nur eine zu geben,
mit der alle rufen.

du fielest, aber du fällst nicht.
Augen fangen dich auf.
es gibt dich,
weil Augen dich wollen,
dich ansehen und sagen,
dass es dich gibt.

 vermutlich von der Schriftstellerin Hilde Domin

Wenn Dein Sohn mittags schon satt ist

Ab ca. zwölf Uhr mittags stehe ich am Herd, um meinen Lieben eine reichhaltige, gesunde (also gemüselastige) Mahlzeit zuzubereiten. Sie kommen heim, strömen zu Tisch und Essen. Mal mit Begeisterung, mal ohne. Seit kurzem aber verweigert einer das Essen: „Nein, Mami, ich bin schon satt.“

Na, von dem einen Salamibrot in der Schulpause kann das wohl kaum kommen. „Ich hatte schon eine Milchschnitte und zwei Fruchtzwerge.“ Huch, die entsinne ich mich nicht ihm eingepackt zu haben (böser Zucker) … „Aber woher, mein Schatz, hast Du das denn? Habt ihr einen heimlichen Zugang zum Schlaraffenland im Hof?“ „Nö, die Anna hat immer so was dabei und der Marlo. Die geben mir immer was ab im Tausch gegen Salamisticks oder so.“

Ah, da kann man also noch so bewusst die Kleinen in die gesunde Ernährung einführen und gibt nur ab und zu ein Salamistick mit in die Box – er soll ja nicht als Außenseiter dastehen. Und jetzt erfahre ich, dass mein Sohn auf dem Schulhof einen für ihn recht lukrativen Schwarzhandel mit Pausenbroten führt.

Bewundernswert. Ich werde nichts unternehmen. Sollen doch die anderen Kinder durch meine Fütterungsversuche in den Genuss von etwas annähernd gesunden kommen.

Gestern dann auf dem Weg zum Sport sagte mein Sohn: „Heute musste ich eine Strafarbeit schreiben. Hab ich aber schon gemacht.“ „Wieso? Wegen deines Pausenhofhandles?“ „Nö, weil ich gequatscht habe.“ „Ach, und wie hast Du es geschafft, dass die Strafarbeit schon fertig ist?“ „Ich arbeite die in den Vertretungsstunden vor. Unter der Bank habe ich einen ganzen Block mit Sätzen Ich soll nicht mehr … Meinst Du der Marlo gibt mir für so einen Zettel zwei Milchschnitten?“

Sprachlos mache ich mir eine geistige Notiz: Keine Sorge um meinen Neunjährigen, nur die nächste Polizeistation notieren, damit ich ihn bei Bedarf aus der U-Haft abholen kann …

Verschneit liegt rings die ganze Welt

Verschneit liegt rings die ganze Welt.
Ich hab nichts, was mich freuet.
Verlassen steht ein Baum im Feld,
Hat längst sein Laub verstreuet.

Der Wind nur geht bei stiller Nacht
und rüttelt an dem Baume,
Da rührt er seine Wipfel sacht
Und redet wie im Traume.

Er träumt von künftger Frühlingszeit,
Von Grün und Quellenrauschen,
Wo er im neuen Blütenkleid
Zu Gottes Lob wird rauschen.

Joseph von Eichendorff 1788-1857

Es wundert mich. Ich sehne den Schnee im Dezember herbei und genieße die Ruhe, die sich über die Straßen, Wege und Dinge legt. Ein weißer Mantel des Innehaltens, des Langsamen.

Rodeln, Schlittschuhfahren, heiße Maronis und wärmender Tee …

Und jetzt, nachdem die weiße Pracht endlich da ist, wünsche ich mir bereits ihr Vergehen. Wie wunderbar, wenn es schmilzt und die ersten zarten Spitzen Grün durch die Schneedecke brechen. Der Wiederbeginn des Lebenslaufes.

Der erste Tag mit kurzem Rock, Sandalen und keiner Jacke ist noch fern und doch zu ahnen – was ein Leben!

 

ein Musäumsbesuch

Wenn es schneit, kalt ist und jetzt im Januar so herrlich trist, dann ist es Zeit für einen Musäumsbesuch. Nein, kein Tippfehler, sondern ich meine wirklich einen Musäumsbesuch.

Man geht zum Isartor, zum Kalt-Valentin-Musäum (man spricht halt eh ein „ä“, oder es hört sich so an …). Wenn man Glück hat, muss man den Eintritt von € 2,99 nicht zahlen: „Kinder im Alter von 99 Jahren in Begleitung ihrer Eltern Eintritt frei.“

Karl Valentin (1882 bis 1948), gelernter Schreiner, der seinen Beruf zu Gunsten der Bühne an den Nagel hing (dieser ist auch im Musäum zu bestaunen), der mit seinem Wortwitz die Leute mit ihrer Unzulänglichkeit bloßstellte und das Gewohnte in ein anderes, nacktes Licht rückte: „Wie gut, dass der Führer nicht ‚Kräuter‘ heißt. Sonst müssten wir ‚Heil Kräuter‘ sagen.“

valentin01.jpgLegendär sind seine vielen Zitate, auch heute noch gern gelesene Postkartenmotive:

„Fremd ist der Fremde nur in der Fremde.“
„Alle reden vom Wetter, aber keiner unternimmt was dagegen.“
„Die Zukunft war früher auch besser.“
„Mögen hätt ich schon wollen, aber dürfen habe ich mich nicht getraut.“

Befreundet mit Berthold Brecht, beeinflusste er spätere Humoristen wie Gerhard Polt, Helge Schneider und Loriot.

Sein Ende ist eher traurig: Mit 65 Jahren stirbt Karl Valentin an einem Katarrh und unterernährt. Seine feine, spitze Zunge war wohl der Zeit voraus – wie so viele Gute … „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.“

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www.valentin-musaeum.de am Isartor in München

Puber – was?!

Es hat uns erwischt und zwar so richtig. Unser ältester Sohn strebt seinem 13. Geburtstag entgegen und mutiert gerade zum Vollpfosten. Wirklich! Aus dem winzigen, ach so süßen Schulkind mit Babyspeck ist ein haariger, leicht stinkender Trampel mit unmöglichen Stimmungsschwankungen geworden. Gott sei Dank bekommt er nicht auch noch seine Tage!

Lieblingswort: „Na und.“
Lieblingskommentar: „Na und.“ Und: „Ich fühle mich so benachteiligt!“

Stimmt, mit iPad, iPhone, Beats, Nike Airs und Polo Ralph Lauren, Snowboard und Skiausrüstung würde ich mich auch ernsthaft unverstanden vorkommen. Ich würde dieser Familie den Rücken kehren und sie verlassen. Sollen sie doch sehen, wie sie ohne mich zurechtkommen. Den ersten Schritt hat unser Sohn bereits eingeleitet. Man nennt das wohl auch den verspäteten Abnabelungsprozess. Zumindest geht es mir als Mutter damit so. Er entfernt sich, driftet der Peer Group entgegen und wir Eltern sind machtlos.

Na, hoffentlich nimmt er sich in seinem Leben unsere Ratschläge zu Herzen. Immerhin ist er noch nicht ausgezogen … 🙂

Hilfe an unserer Seite:

familie.de, Jungen in der Pubertät
Süddeutsche Zeitung, Wie Eltern ihre Kinder durch die Pubertät begleiten können
Pubertät, wenn Erziehen nicht mehr geht, Jasper Juul

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Bildquelle: funshirtgalaxie.de, rahmenlos@muenchen.de

Von Pelz und Piste

Skifahren in Kitzbühel geht so: Man trägt natürlich eine Montclair-Jacke, die Jethose vom Frauenschuh und ausgeschäumte Profiskischuhen von Strolz. Die Head-Ski sind extra im Laden bestellt worden, denn Massenware törnt ja nicht an. Der Hit dieser Saison sind allerdings beheizte Handschuhe mit großer LED-Anzeige des Batteriestands.

Neulich im Skilift: „Das Fünferl kann man vergessen. Da treibt sich jetzt die russische Hautevolee herum. Das sieht im Take Five auch schon so ähnlich aus.“ „Ja, leider. Aber auch die Sonnenrosi ist nicht mehr sicher.“

Warum stehen im Kitzbühler Louis Vuitton-Shop keine Unikate mehr im Schaufenster? Weil folgender Wortwechsel keinen geringen Seltenheitswert hat: „Haben Sie diese Tasche nicht auch in pink?“ „Nein, tut mir leid, wie ich Ihnen bereits mehrmals versicherte, es handelt sich hierbei um ein Unikat.“ „Ja, ja, so, so. Und in hellgrün?“

Man geht nicht mehr auf die „Breitlingalm“ (einst die Sonnbühel), nein, man zieht um ins Hahnenkammstüberl, zumindest die ältere Generation. Um abgefahren anders zu sein und mit Daddys Geld bereits mittags die erste Methusalem nicht schmeckenden Moet Champagners knallen zu lassen, muss man sich auf die Maierlalm begeben. Dort ist auch der Rolexfaktor am Handgelenk wieder auszuhalten. Denn man möchte sich ja unter seines gleichen wissen und doch so anders sein, die Welt verbessern und nicht zu diesen Schicki Mickis gehören. Getreu dem Motto: „Eigentlich bin ich ganz anders, aber ich komme so selten dazu.“

Hier finden sich die armen Vollzeitmamis mit Pelz und Fellmoonboots, die noch ärmeren Geldprekariatssöhne, von den Eltern vernachlässigt, von der schwarzen Amex aber nie im Stick gelassen, und die wirklich armen und deshalb unterernährten Mädels mit blonden und braunen Haaren, die hoffen hier den Prinz zu treffen, der sie erlöst. Das wird aber nicht passieren, denn die Geldtiger haben ein unerschütterliches Gespür für vorgegaukelten Reichtum und nicht erhaltene Kinderstube.

Wer die Literatur der Großväter nicht gelesen, keinen Tanzkurs besucht und keinen Hummer zerlegt hat, der fällt schnell durch. Zum Grundfachwissen dieser Menschen gehört auch das sichere Umgehen mit Dresscodeangaben für „casual“, „Dinnerjacket“ und „Smoking“. Und dass Beste? Zur Maierlalm kann man auch ohne Lift gelangen …

Ski heil!

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Auf geht’s, Ihr starken Frauen!

Plädoyer für ein neues Jahr und wiedergefundene Kräfte

Wer zum Teufel hat uns eigentlich in grauer Vorzeit mal eingeredet, dass wir uns nach dem anderen richten müssen, uns ständig umschauen, ob es gefällt was wir tun und uns erst daran bemessen.

Das muss das graue Steinzeitgen des Familienzusammenhalts auf der weiblichen Erbgutseite sein …

Kein Vertrauen auf die eigenen Stärken haben wir mehr und die Literatur ist doch voll davon, dass wir Mädels es gewaltig dick hinter den Ohren haben. Also, auf geht’s, los! Kümmert Euch erst um Euch, dann um den Nächsten, denn nur so ist wirklich allen geholfen (Das Kind in Dir muss eine Heimat finden, Stefanie Stahl).

Ich bin es leid immer auf Entscheidungen zu warten. Ich treffe sie gerne selbst.
Ich bin es leid mich zu erklären, warum ich genau jetzt ein Glas Weißwein trinke.
Ich bin es leid zu warten, bis meine Fähigkeiten von anderen erkannt werden.
Ich bin es leid hier zu meckern – deshalb geh ich jetzt raus und lebe mein Leben – mit all Euch starken Frauen da draußen, gemeinsam sind wir der Sturm – und jede von Euch auch allein …

Wenn es im Kopf zieht

Es gibt alle möglichen und unmöglichen Arten von Kopfschmerzen: Schnupfenkopfweh, überarbeitetes Müdenkopfweh, Rotweinkopfweh, die satte, klassische Migräne und Geräuschekopfweh, wenn es um einen alles zu laut brodelt und bellt.

Und dann ist da noch an manchen Tagen dieses Ziehen im Kopf, undefinierbar woher es stammt, erwischt es mich oft eiskalt. Ausgelöst wird es von oft von einfältig und scheinbar dummen Bemerkungen meiner Umgebung. Wenn ich zu müde oder zu beschäftigt bin, um diesen Dummheiten adäquat begegnen, meine Meinung kundzutun und Stellung zu beziehen, dann beginnt es im Schädel zu schmerzen. Ganz allmählich und immer stärker schwappt der Schmerz durch mein Hirn, wird lauter, schwillt an.

Typische Auslöser:

  • „Die Merkel spinnt. Das mit den Flüchtlingen schaffen wir nie und nimmer!“
  • „Ja, ja, alle ADHS-Kinder sind einfach nur unerzogene Gören, die mehr Bewegung brauchen.“
  • „Der Trump, der wird schon noch normal.“
  • „Sollen die Syrer doch einfach aufhören mit dem Krieg.“
  • „Die Palästinenser können jetzt echt mal nachgeben in der Siedlungssache der Israelis.“
  • „Schreiben ist doch einfach.“
  • „Damals als Kinder haben wir das nie gemacht.“
  • „Der Staat wird schon wissen, was er tut.“
  • „Ich geh nicht wählen, die machen eh nicht, was sie vorgeben, diese Parteien.“
  • „Also ich mache das immer ganz anders.“

Willkommen in der Welt vor Ihrem Fenster.

Foto: Ausschnitt eines Fotos von Marc Oller