Wolfgang Hildesheimer wäre 100

Ja, er wäre am 9. Dezember 2016 100 Jahre alt geworden. Aber ob er das auch gewollt hätte? Schließlich hat er acht Jahre vor seinem Tod aufgehört zu Schreiben, denn er hätte wohl nichts mehr zu sagen und Schuld daran seien die Umweltkatastrophen.

„Dem sein Gedankenwust interessiert mich nicht.“ Das waren die Worte einer Freundin zu meinem Versuch „Lieblosen Legenden“ zu lesen – als 16jährige. Das Stimmt. Sein Stream of Consciousness (Bewusstseinsstrom) ist nicht einfach zu knacken, aber eben das ist dessen Stilmittel.

Am 9. Dezember dieses Jahres wäre Wolfgang Hildesheimer nun 100 Jahre alt geworden. Sein Blick auf die Gesellschaft war aber viel mehr, als scheinbarer Gedankenstrom. In „Mitteilungen an Max“ stellt Hildesheimer melancholisch fest, wie es um uns Menschen steht. Dass wir hohl Floskeln verwenden, uns gegen die Natur wenden und dass „(…)Es wird uns alles vergehen, lieber Max, das Hören und Sehen, als erstes aber das Lachen.“

Ich erinnere mich an ihn aber als einen äußerst kinderlieben, lebensfrohen, auch zynischen und definitiv unkonventionellen Großvater (zweiten Grades). Unvergessen sind seine Späße zu dem von ihm verhassten Joghurt. Diesen kann nur das Escoutadou essen – ein Fabelwesen, das sich auf den Straßennamen bezieht, in der eine meiner Cousinen wohnte. Dieses kleine Kinderwerk sprüht vor Lachen und ist nie veröffentlicht worden. Es ist unser kleiner Familienschatz.

Damals waren mir solche Meilensteine seines Lebens, wie seine Übersetzertätigkeit bei den Nürnberger Prozessen und seine Mitgliedschaft bei der Gruppe 47 nicht bekannt. Viel zu schade, dass uns Kindern dieser Weitblick in jungen Jahren fehlt und andererseits wunderbar, so unbedarft aufwachsen zu können und dennoch ein solch literarisches Genie in der Familie gehabt zu haben … Hoffentlich hast Du, lieber Wolfgang, Deinen Frieden gefunden.

einige Werke:
Lieblose Legenden
Marbot
Mitteilungen an Max über den Stand der Dinge und anderes
Mozart
Rede an die Jugend
Tynset

aktuelle Biografie: Jenseits der Pässe: Wolfgang Hildesheimer, Stephan Braese

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