Das Fest liegt wieder einmal hinter uns. Kirche, Feiern, Essen, Familie, Trinken und Freunde haben wir hinter uns gebracht. Was nun?

Jetzt ist es endlich stad und die Gedanken recken sich dem Jahresende entgegen. Wie grauenhaft war denn eigentlich das zu Ende gehende Jahr, politisch betrachtet? Wir können wirklich nur hoffen, dass sich auf der großen Bühne der Weltpolitik die Wogen etwas glätten. Ich sehe schon Putin, Trump – und warum nicht auch noch Berlusconi – zusammen in der Sauna und nach Lust und Laune um den Einsatz von Nuklearwaffen würfeln. Assad darf nicht mit rein, der ist auch so gefährlich und eh nur ein Spielball der Dreien im heißen Dampf um Öl und Mittelmeerzugang. Herr im Himmel, mach mal nen Friedensaufguss!

Und was ist mit mir? Was treibt mich um? Womit möchte ich meinen Frieden machen? Wie ist das vergangene Jahr für mich gelaufen? Und – welche Vorsätze sind es wert genauer betrachtet zu werden? Im Großen und Ganzen kann es so weitergehen. Etwas mehr Geduld wäre wünschenswert und – ja, eine „sauberere“ Ausdruckweise. Hier im Alltag senkt sich das Niveau der Kommunikation schon mal unterhalb der Linoleumgrenze. Will sagen ein bisschen weniger Fluchen, Schimpfen und eine angemessenere Wortwahl sind wünschenswert. So schaffen wir hoffentlich ein bisschen mehr Frieden im Kleinen …

Ein frohes neues Jahr!

Ein Pferd klagt an

Ich zog meine Fuhre trotz meiner Schwäche
Ich kam bis zur Frankfurter Allee.
Dort denke ich noch: O je!
Diese Schwäche! Wenn ich mich gehenlasse
Kann ’s mir passieren, dass ich zusammenbreche.
Zehn Minuten später lagen nur noch meine Knochen auf der Straße.

Kaum war ich da nämlich zusammengebrochen
(Der Kutscher lief zum Telefon)
Da stürzten aus den Häusern schon
Hungrige Menschen, um ein Pfund Fleisch zu erben
Rissen mit Messern mir das Fleisch von den Knochen
Und ich lebte überhaupt noch und war gar nicht fertig
mit dem Sterben.

Aber die kannt‘ ich doch von früher, die Leute!
Die brachten mir Säcke gegen die Fliegen doch
Schenkten mir altes Brot und ermahnten
Meinen Kutscher, sanft mit mir umzugehen.
Einst mir so freundlich und mir so feindlich heute!
Plötzlich waren sie wie ausgewechselt! Ach, was war
mit ihnen geschehen?

Da fragte ich mich: Was für eine Kälte
Muss über die Leute gekommen sein!
Wer schlägt da so auf sie ein
Dass sie jetzt so durch und durch erkaltet?
So helft ihnen doch! Und tut das in Bälde!
Sonst passiert euch etwas, was ihr nicht für möglich haltet!

O Falladah, die du hangest! – ein Pferd klagt an; Bertolt Brecht, 1967

Nachkriegszeiten, Schnee, Frost, Entbehrungen, Hunger. Welche Kälte wohnt heute in unseren Herzen? Auch wenn wir keinen Diktator mehr vor unserer Nase sitzen haben, keinen direkten Kriegsgreuel, so wundere ich mich manchmal, wie dieses Kutschpferd: „Wer schlägt da so auf sie ein
Dass sie jetzt so durch und durch erkaltet?
So helft ihnen doch! Und tut das in Bälde!
Sonst passiert euch etwas, was ihr nicht für möglich haltet!“

„O Falada, da du hangest“ ist indes der Ausspruch der „Gänsemagd“, einem Märchen der Gebrüder Grimm.

„O du Falada, da du hangest“
„O du Jungfer Königin, da du gangest,
wenn das deine Mutter wüsste,

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„Die Gänsemagd“ von Heinrich Vogeler

ihr Herz tät ihr zerspringen.“

Literaturtip: Das letzte Jahrhundert der Pferde, Ulrich Raulff 

„Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen“

Dies sind die Worte des Heiligen Stephanus gewesen. Denn so, wie wir mit Christi Geburt an Weihnachten feiern, so ermahnt uns dieser Tag bereits an sein Auferstehen und die Verheißung Gottes an uns – ein immer wiederkehrendes Geschenk von Gott: seine Güte, seine Nachsicht, sein Vertrauen in uns.

Weihnachten! Oh Heiligkeit, oh Gotteswunder!

Nach Kirchgang, Bescherung und Essen genießen wir die Feiertage als wohlverdiente Auszeit von den Mühen des Alltags.

Der 26. Dezember ist der sogenannte Stephanitag. Sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche feiert an diesem Tag den Heiligen Stephan.

Dieser war in der Urgemeinde einer der sieben Diakone um die Apostel herum. Die Apostel beschäftigten sich besonders mit der Verbreitung der Lehre und Predigt von Christus. Den sieben Diakonen kam die Aufgabe zu sich um die Witwen und Waisen, Armen und Bedürftigen zu kümmern, eben das diakonische Werk zu verrichten.

Wegen Hetzreden gegen sich, musste sich Stephanus verteidigen und wurde anschließend zum Tode verurteilt – wegen seines Glaubens. Er wurde gesteinigt. Er gilt als erster Märtyrer der Christen und als Beginn der Christenverfolgung.

Ihn und allen, die für ihren Glauben gestorben sind, lassen Sie es mich weiter fassen, alle, die für Ihre Überzeugungen und Moralvorstellungen gestorben sind, sei dieser Tag gewidmet.

Denken wir an diesem  Tage des eigenen Wohlergehens daran, was fanatischer Glaube (egal welcher) alles anrichten kann. Versuchen wir Nachsicht walten zu lassen. Versuchen wir zu verstehen.

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Johann von Schraudolph, Steinigung des Stephanus, 1850

Was ist der Unterschied zwischen Verheiratet und Alleinerziehend?

Mit vielen Dingen des Alltags als vierfache Mutter habe ich gelernt klar zu kommen und dem Weihnachtswichtel mit seiner Stoppuhr kann ich dieses Jahr getrost zuwinken und lächelnd und entspannt die Weihnachts-Orga-Ziellinie überschreiten.

Bis heute morgen. Ich meine, es sind noch drei Tage bis Weihnachten und das heißt äußerst durchgetaktete Vormittage, bis mittags die Kinder wieder daheimsitzen und man dem Christkind nicht mehr zur Hand gehen kann. Tja, und dann das: Sohn Nr. 3 steht mit Kopfschmerzen im Bad.

„Nicht so schlimm“, rufe ich ihm zu „nach dem Frühstück geht es Dir sicher besser!“ Die Hoffnung stirbt zuletzt. Sohn Nr. 1 klagt über Bauchschmerzen. Na, ob das an der Matheprobe liegt? Mein Mann trinkt seinen Espresso, küsst mich zum Abschied und geht. Wie immer. Bei ihm dreht sich der Tag nie um, wenn jemand krank ist.

„Einen schönen Tag noch und bis heute Abend!“, ruft er mir noch zu, bevor er sich in seinen Arbeitstag stürzt und mit wichtigen Personen im Brenners lunchet, während ich Nudelsuppe kochen und Zwieback reichen werde.

Nachdem die anderen zwei auf die Straße gebracht sind, sammle ich mich um eine zweite Vormittagsstrategie auszubrüten. Verschiebe Termine, telefoniere mit Schulen, Ärzten und Kunden (ach ja, die liebe Arbeit ist mein fünftes Kind). Mäkelnd nehmen die Jungs die Medizin und ärgern sich über das Technikverbot. Keine Schule – kein Handy (oder iPad, oder PC …). Wer krank ist, oder sich so fühlt, bleibt im Bett. Da würde ich auch am liebsten wieder hin, kämpfe mich aber durch Wäsche, Müll, Einkauf, Kochen und immer wieder Medizin und Beileidsbekundungen verteilen.

Nachmittags mit den zwei gesunden Söhnen zum Vorspiel in der Musikschule, noch ein Geschenk für die Lehrerin präparieren und wieder Essen auf den Tisch stellen. Nachdem ich zur frühen Abendstunde am Küchentisch einnicke, weckt mich behutsam einer der kranken Kinder und meint: „Das war heute aber mal ein entspannter Tag daheim.“ „Ja, Schätzchen“, antworte ich „wenn du groß bist, darfst du dich in deinem Zuhause um alles kümmern. Ist nicht viel. Geht schnell von der Hand. Macht keine Mühe und erfüllt einen so angenehm.“ Verständnislos blickt er mich an und zieht sich wieder zurück.

Mein Mann kommt nach einem langen Tag im Büro nach Hause, müde, aber fröhlich, denn nun kann er sich ja entspannen – die Kinder sind längst im Bett.

Zum Tagesabschluss erhalte ich folgende WhatsApp von einer Freundin:
„Was ist der Unterschied zwischen Verheiratet und Alleinerziehend? – Der Wäscheberg.“

Wolfgang Hildesheimer wäre 100

Ja, er wäre am 9. Dezember 2016 100 Jahre alt geworden. Aber ob er das auch gewollt hätte? Schließlich hat er acht Jahre vor seinem Tod aufgehört zu Schreiben, denn er hätte wohl nichts mehr zu sagen und Schuld daran seien die Umweltkatastrophen.

„Dem sein Gedankenwust interessiert mich nicht.“ Das waren die Worte einer Freundin zu meinem Versuch „Lieblosen Legenden“ zu lesen – als 16jährige. Das Stimmt. Sein Stream of Consciousness (Bewusstseinsstrom) ist nicht einfach zu knacken, aber eben das ist dessen Stilmittel.

Am 9. Dezember dieses Jahres wäre Wolfgang Hildesheimer nun 100 Jahre alt geworden. Sein Blick auf die Gesellschaft war aber viel mehr, als scheinbarer Gedankenstrom. In „Mitteilungen an Max“ stellt Hildesheimer melancholisch fest, wie es um uns Menschen steht. Dass wir hohl Floskeln verwenden, uns gegen die Natur wenden und dass „(…)Es wird uns alles vergehen, lieber Max, das Hören und Sehen, als erstes aber das Lachen.“

Ich erinnere mich an ihn aber als einen äußerst kinderlieben, lebensfrohen, auch zynischen und definitiv unkonventionellen Großvater (zweiten Grades). Unvergessen sind seine Späße zu dem von ihm verhassten Joghurt. Diesen kann nur das Escoutadou essen – ein Fabelwesen, das sich auf den Straßennamen bezieht, in der eine meiner Cousinen wohnte. Dieses kleine Kinderwerk sprüht vor Lachen und ist nie veröffentlicht worden. Es ist unser kleiner Familienschatz.

Damals waren mir solche Meilensteine seines Lebens, wie seine Übersetzertätigkeit bei den Nürnberger Prozessen und seine Mitgliedschaft bei der Gruppe 47 nicht bekannt. Viel zu schade, dass uns Kindern dieser Weitblick in jungen Jahren fehlt und andererseits wunderbar, so unbedarft aufwachsen zu können und dennoch ein solch literarisches Genie in der Familie gehabt zu haben … Hoffentlich hast Du, lieber Wolfgang, Deinen Frieden gefunden.

einige Werke:
Lieblose Legenden
Marbot
Mitteilungen an Max über den Stand der Dinge und anderes
Mozart
Rede an die Jugend
Tynset

aktuelle Biografie: Jenseits der Pässe: Wolfgang Hildesheimer, Stephan Braese

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Weihnachtsgeschenke

Der kleine Engel Fridolin saß hoch auf seiner Wolke und war ratlos. Bisher war ihm jedes Jahr bis spätestens Ende November  eine zündende Idee gekommen, wie er seinen Engelfreunden und den Menschen auf der Erde eine Weihnachtsfreude machen konnte.
Jedes Mal hatte er sich dann voller Vorfreude ans Werk gemacht und in seiner Weihnachtswerkstatt herumgewerkelt, bis die liebenswürdigen Kleinigkeiten fertig gestellt waren, die dann anderen die Zeit bis Weihnachten hell und sie fröhlich machen sollten.

Was war mit ihm los, dass ihm dieses Jahr einfach nichts einfallen wollte? Vermutlich war es die Tatsache, dass er sich dieses Jahr ein besonderes Ziel gesetzt hatte. Fridolin hatte nämlich in den letzten Jahren festgestellt, dass viele seiner Engelfreunde und auch viele Menschen über all den schönen Basteleien und hektisch anmutenden Vorbereitungen selbst gar nicht mehr zur Ruhe kamen. So waren zwar die schönsten Geschenke entstanden, aber eigentliche, tiefe Freude über das Weihnachtsgeschehen hatte gar nicht entstehen können. Es war einfach keine Zeit vorhanden gewesen.

Der kleine Engel war sehr erschrocken, als er einem Menschen von seinen Überlegungen erzählen wollte und dieser nur geantwortet hatte: „Sinn – Weihnachten – keine Ahnung! Lass uns ein anderes Mal darüber reden! Ich habe gerade so wenig Zeit!“

Und Fridolin dachte bei sich : „Wozu denn all die schönen Weihnachtsgeschenke und -freuden, wenn das größte Geschenk, die allergrößte Freude und der Grund aller Aufmerksamkeit in Vergessenheit geraten ?“

Tja, und nun saß er auf seiner Wolke und dachte nach. Wie konnte er nur den anderen, die er alle so gerne mochte, wirkliche Weihnachtsfreude schenken – diese eigentliche große Freude? Hmmm, er rätselte und grübelte…

Draußen fiel der erste Schnee und aus vielen Wohnungen duftete es schon verdächtig nach Weihnachten.  Plötzlich sah der kleine Engel in der Ferne einen kleinen Punkt, der sich bewegte und langsam näher kam. Nach einiger Zeit erkannte er das Gesicht seines Freundes Arnulf.

Er freute sich sehr über den unerwarteten seltenen Besuch, stellte schnell einen Teekessel auf den warmen Ofen, zündete Kerzen an und stellte Lebkuchen auf den Tisch. Bis Arnulf dann ankam, hatte er in Windeseile einen gemütlichen Teetisch hergerichtet. Die Begrüßung der Freunde war sehr herzlich, und sie hatten sich viel zu erzählen. Sie saßen lange beieinander und der kleine Engel erzählte auch von seinen Sorgen der Geschenke wegen.

Da begann Arnulf zu sprechen: „Fridolin, ich war eigentlich nur hierher gekommen, um schnell dein Geschenk abzuliefern, aber nach deiner herzlichen Begrüßung und beim Anblick dieses liebevoll gedeckten Tisches brachte ich es nicht übers Herz, gleich wieder zu gehen. Ich muss gestehen, ich hatte das wahre Weihnachten eigentlich auch vergessen, aber deine Liebe und Wärme ließen mich zur Ruhe kommen. Du hast mir heute nichts geschenkt als deinen wunderbaren Lebkuchen und den duftenden Tee – und trotzdem hast du mir Weihnachten viel näher gebracht als alle Geschenke, die ich sonst bekam. Ich danke dir von Herzen.“

Arnulfs Worte gingen dem kleinen Engel noch lange durch den Kopf und plötzlich hatte er eine Idee. Er bereitete viele kleine Säckchen vor und packte nur eine Kerze, einen Teebeutel, einen Lebkuchen und einen kleinen Zettel hinein, auf dem stand:

Lieber Freund,
mit diesen Gaben möchte ich Dir die Grundlage für eine gemütliche Advents- und Weihnachtsstunde liefern. Zünde die Kerze an, brühe den Tee auf und während Du den Lebkuchen isst, besinne Dich auf all die wundervollen Menschen in Deinem Leben, die Dir Liebe schenken.
                    Dein Freund Fridolin

Verfasser und Quelle sind leider nicht bekannt.
Bild: Erica von Kager

Flucht – immerdar

Das Bild zeigt die Heilige Familie auf der Flucht von Bethlehem nach Ägypten, um dem Zorn Herodes’ zu entgehen. Dieses Foto wurde im Bayerischen Nationalmuseum gemacht und zeigt eine der vielen Krippen der Krippenausstellung, die den gesamten Lebensweg Christi darstellen.

Flucht, immer Flucht! Damals wie heute. Die politische Situation bringt Menschen immer wieder dazu alles aufzugeben, was ihnen ein Zuhause ist und das Weite zu suchen.

Wo es Menschen gibt, da gibt es Zwietracht, Streit, Hass, Krieg. Dieser führt zur Flucht und mündet leider oft in Völkerwanderungen. Das Thema ist so alt wie die Menschheit und aktueller denn je.

Gerade diese Jahreszeit, der Advent aber, sollte uns dazu anhalten die guten Dinge in uns Menschen zu fördern: Nächstenliebe, Verzeihung, Innehalten und Selbstreflexion.

Denn schließlich steht an dem Ende der Adventszeit das Wunder der Christgeburt: Gott ist Mensch geworden. Gott ist das Heil.

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Flucht nach Ägypten, Manuel Thomas


(…) In der folgenden Nacht gab ein Traumgesicht

den Weisen die Mahnung, sie sollten doch nicht
dem König Herodes den Platz offenbaren,
an dem das Kindlein und seine Mutter waren.

Und wie die Könige träumend verstehen lernten,
so dass sie sich auf anderem Weg aus dem Lande entfernten,
so erschien auch dem Joseph ein Engel im Traum
und sagte: Rasch, nimm den Esel am Zaum

und flieh mit dem Kind und der Mutter zum Nil,
denn Herodes hat das schreckliche Ziel,
das Kind zu suchen und umzubringen.
Nur durch Flucht konnte der Plan misslingen,

denn Herodes hing an der Macht und fürchtete Rivalen,

indessen Maria und Joseph mit dem Kindlein sich fortstahlen
nach Ägypten, wie es der Traumengel riet –
es war eine überstürzte Flucht, wie sie heute noch geschieht. (…)

Die Weihnachtsgeschichte zum Vorlesen, Manuel Thomas

Buchtip: gehen, ging, gegangen, Jenny Erpenbeck

Wenn der Regen fällt

Bin ich es, oder der Rest der Welt?

Neulich holte ich meinen Sohn vom Playdate ab und mein Blick glitt sofort durch die Wohnung der Freunde:
Ist es hier aufgeräumter als bei uns? Ist der Adventskranz selbst gebunden? Wird hier Marmelade selber gekocht? Wie sieht es in den Kinderzimmern (und auf dem Gästeklo) aus? Alles wird von meinem digitalen Terminator-Blick erfasst und auch bewertet.

Aber warum? Was gibt mir das Gefühl des „Hach, bei uns ist es viel aufgeräumter“, „Wir bestellen die Biokiste ins Haus“, „Ich schreibe die Weihnachtskarten immer schon im September“?!? Woher dieser Stress?

Denn es ist Stress, dass es bei uns so aussieht, wie es aussieht und das unterstelle ich auch den Haushalten, auf die ich mit lächelndem Blick zurückblicke, wenn ich mein Kind heimfahre.
Es grenzt an ein Ding der Unmöglichkeit einen vollkommenen Harmoniezustand zwischen meinen ästhetischen Ansprüchen und den Gebrauchsspuren meines sechsköpfigen Haushalts herzustellen. Sysiphos ist mein zweiter Vorname, aber das mag ich bereits erwähnt haben …

Also, woher? Woher dieses abfällige Grinsen und Bewerten? Ist es wirkliche Bösartigkeit? Ist es der aufgezwungene Druck der Gesellschaft, also der meiner Mit-Mütter? Mache ich mir diesen Druck ganz alleine?

Warum wird verglichen, anstatt anerkennend zu loben, sich Anregungen zu holen oder auch schlicht und einfach Schwächen einzugestehen ohne sein Gesicht zu verlieren?

Ich weiß es nicht. Es macht mich ratlos.

Nur eine Theorie dämmert mir so langsam. Nur mit einem Blick der Abschätzigkeit schaffe ich es in meinem Alltagschaos den Kopf hoch zu halten und stur vorwärts zu schauen – mit einem kleinen Schmunzeln der Schadenfreud im Mundwinkel. Schade eigentlich. Und nicht nett.

 

Marmeladenbrot

Ein Glas Marmelade steht noch auf dem Tisch. Rote, selbstgemachte Erdbeermarmelade. Die Marmelade schmeckt nach Sommer, Sonnenstrahlen und leisem Schwappen des Sees unter mir. Denn wenn ich ein Brot damit esse, passiert Unglaubliches.

Ich liege plötzlich auf dem kleinen Anlegesteg am Waldsee und spüre die Wärme der Nachmittagssonne auf meinem Rücken. Bald schon wird es unerträglich heiß werden und die Überwindung zur Abkühlung im dunklen Nass zieht vor meinem geistigen Auge auf.

Wenn das die einzige Herausforderung dieses Nachmittags ist, so soll es mir recht sein. Träge überlege ich, was ich als nächstes machen werde. Ein bisschen im Buch lesen (Robert Seethaler, die weiteren Aussichten), mit dem Boot rausrudern oder hier, genau hier weiterdösen.

Alles, nur nicht raus aus der Sonne. Noch weiter tanken. Für die kalte Zeit. Für jetzt, diese saukalte Zeit, in der ich gerade bei gefühlten -10 Grad Celsius durch den Park stapfe, wobei mich weder die lange Unterhose, noch Mütze, Handschuh und Stiefel wärmen. Nur der Gedanke an ein Marmeladenbrot.