Höhenrausch und Wadenschmerz

… liegen oft ganz eng beieinander. Letzten Samstag war es mal wieder soweit. Wir wollten als Familie den Alltag in der Stadt hinter uns lassen und düsten Richtung Kochelsee zum Herzogstand. So manch einer wird die Strecke kennen: Heimgarten rauf (3h), über den Grad (2h) und Herzogstand runter (1,5h).

Na, das klingt doch nach einem wahren Zuckerschlecken! Endlich etwas für Po und Waden tun, dabei die Zähne zusammenbeißen und die Kinder motivieren – so dachte ich mir das. Ich hasse nichts mehr, als am Berg nicht mein eigenes Tempo gehen zu können, ständig Wanderstöcke in deren Länge zu verstellen (nach dem letzten Bergabenteuer hatte ich eine Sehnenscheidenentzündung) und heulende Kinder für das anstrengendste Stück Berg zu motivieren.

Nicht so heute. Tatsächlich marschierten 2/3 meiner Familie zügig von dannen, rein in den Wald, am rauschenden Bach entlang und immer schön steil bergauf. Ich begleitete unseren Jüngsten, das heißt, eigentlich begleitete er mich. Meinen Tagträumen hinterherhängend, die Natur bewundernd, dem Plätschern lauschend, folgte ich meinem munter voraushüpfenden Sohn durch den ansteigenden Tann. Selten hat er bei seinen drei Brüdern die Möglichkeit zum Zug zu kommen, aber atemlos und beschäftigt wie ich war, schien ich die richtige Zuhörerin zu sein (ich fühlte mich ein wenig zwangsbelabert).

Es waren herrliche Geschichten der reinen Fantasie eines Sechsjährigen. Wir fanden Zauberschnecken und Wichtellöcher. Wusstet Ihr, dass die gute Bergluft einem gigantomanischen Super-Blatt zu verdanken ist, dass sich über den Erdball gelegt hat und seine kleinen Schwester- und Brüderblätter tief am Waldboden zurückgelassen hat? Oben auf dem Berg steht ein Pavillon. Was denn darin sei, fragte ich. „In dem Pavillon ist wieder ein Pavillon, nur kleiner. In diesem steht wieder ein Pavillon – so wie bei den russischen Puppen. Ganz in der Mitte, nicht größer als eine Erbse, da wohnt ein Zwerg zusammen mit seinem Kind. Das ist nicht größer, als eine Fruchtfliege.“

Staunend über seine Fantasie und Kondition, erreichten wir den Gipfel. Weiter ging es über Grad und rüber zur Bergbahn. Uns begleiteten Geschichten von riesigen Fischen im See unten zu unseren Füßen. Diese können wohl mit geöffneten Maul bis zur Bergspitze hinaufspringen, um die unzähligen Fliegen zu fangen, die sich hier tummeln. Die Fliegenkönigin hat sich nämlich einst hierhin in Sicherheit geflüchtet, da es unten im Tal zum Denken zu eng war. – Wie wahr!

Wenn ich erschöpft in der Bergbahn meine tapferen Krieger erblicke, wie sie sich heute über Geröll, Berggrat und Höhen gekämpft haben, mit unerschöpflichen Geschichten im Kopf, dann sind sie ihres Vaters Kindern mit Wadeln, so stark, dass jeder Berg ein Klettergerüst ist und meine Kinder mit den vielen Geschichten im Kopf.

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