Wenn er über die Straße geht

Wenn er über die Straße geht, blickt er sich nicht um. Aus Prinzip nicht. Er fordert sein Schicksal bewusst heraus. Er tut dies, um ein Gleichgewicht zu seinem so sorgenfreien Leben herzustellen.

Sollen die Götter, das Schicksal oder die andere große Macht doch entscheiden, wann er den Löffel abzugeben hat. Seit seiner Kindheit zweifelt er an diesem Gottvertrauen, das sein Vater wie eine kostbare Amphore gefüllt mit paradiesischen Herrlichkeiten vor sich herträgt. Sonntäglicher Kirchgang war die Abbitte der Woche und heiligte fast alle Taten der vergangenen Woche.

Wie einfach. Oft machte er sich bewusst einen Spaß, bewarf die Schwester mit Äpfeln vom Baum, pinkelte ins Blumenbeet oder verstopfte den Abfluss im Bad. Aber nie, kein einziges Mal kam die Rache Gottes über ihn nieder, auch wenn er die ganze Zeit im Gottesdienst nur „Hänschen klein“ vor sich hin summte. Lautlos, damit er nicht aufflog.

Aber sein Herz und seine Seele legte er nie vor den Altar dar. Das machten ja schon seine Eltern. Dies schien ihm die Feuerprobe zu sein, dass diese eine, alles liebende Gottheit nicht existierte. Im Laufe seiner Berufs- und Ehelebens hatte er viel schlimmere Sünden begangen (Betrug wohin man sah), aber auch hierfür wurde er nicht gestraft.

Nun schwamm er im Geld, in der Liebe seiner Frau und in den Augen seiner Kinder – was sollte ihm schon passiere? Er besaß einen Freifahrtschein fürs Leben. Also, wenn es Gott nicht gab, was dann? Musste es überhaupt etwas geben? Musste man sich die eigene Existenz, Endlichkeit und diese Befindlichkeiten überhaupt erklären? Was, wenn der Zufall alles regiert? Ja, so musste es wohl sein.

Aus purem Zufall was er der geworden, der er nun ist. Aus purem Zufall stand er hier, an dieser Straße, in dieser Stadt, auf eben diesem Kontinent, auf dieser ach so fantastischen Erde. Die Wunderwege der Physik, Biologie, Alchemie – alles reiner Zufall …

Er steht an der roten Fußgängerampel und macht einen Schritt vorwärts. Eine Mutter neben ihm ruft: „Halt!“, und greift den Arm ihres Kindes. Er geht. Die Augen stur geradeaus. Reifen quietschen. Aus dem Augenwinkel erblickt er einen roten Ford. Nein, er schaut nicht zur Seite. Er geht geradeaus. Es wird erneut gebremst, der Fahrer beschimpft ihn aus dem geöffneten Fenster. Er erreicht die gegenüberliegende Straßenseite.

Ihm ist nichts geschehen. Erst jetzt merkt er, dass er den Atem angehalten hat. Er holt tief Luft und dabei entfährt ihm ein Seufzer: „Gott sei Dank.“

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