Mein Mann und sein Fleisch

Eigentlich kann man auch „der Mann und das Fleisch“ sagen, auch wenn man sonst nicht sämtliche Aspekte meines Mannes verallgemeinern kann. Aber über sein Fleisch und seinen Grill kommt eben nix. Schon gar nicht, wenn das Wetter mitspielt. Das heißt es nicht regnet, schneit oder stürmt.

Grillen, das können wir: er das Fleisch ich die Salate, Soßen und Beilagen (inklusive Nachtisch, versteht sich). Grillen ist eben archaisch in der Struktur des Mannes verankert. Unsere Freunde grillen für fünf Personen mit seinem Elektrogrill jeden Sommerabend auf der Zwei-Mann-Terrasse. Das geht.

Grill und Mann spielt in der gleichen Liga wie „der Mann und sein Auto“. Die Erweiterung der eigenen Männlichkeit durch die Karre am Straßenrand. Scheint uns Mädels das Auto eher als bequeme und nützliche Art Dinge von A nach B zu transportieren (sicher, wir freuen uns, wenn es ein „schöner“ Wagen in der richtigen Farbe ist), so ist der Wagen beim Mann nicht einfach nur ein Wagen. Nein, er ist Ausdruck seiner kindlichen, verspielten und von uns verkannt wilden Natur. Schneller, höher, weiter!

Sicher, das können wir Mädels auch, aber es kratzt uns nicht immer. Wir sind nicht 24 Stunden auf Konkurrenz gepolt.

Tja, und jetzt eben der Grill. Natürlich besitzen wir einen Weber-Grill. „Grillst Du schon oder hast Du noch keinen Weber?“ Das war der Spruch der letzten zwei Jahre. Dieses Jahr wurde aufgerüstet, nimmt die Fleischmenge bei unserer sechsköpfigen Familie doch stetig zu. Dafür kann ich mir so langsam die Salate sparen …

Was aber kommt nach einem Weber-Grill? Der Brennwagen. Das ist nicht einfach nur ein Grill, das ist der Porsche unter den Grills. Die Reifen sind luftgefederte Fattires, so dass man den Grill zu angeberischen Demonstrationszwecken auch über holpriges Gelände eben mal schnell mit zu den Nachbarn ziehen kann. Wie lustig wäre eigentlich ein Wagenrennen der Männer an der Isarstrand?

www.brennwagen.de

„Mama, warum bloggst Du?“

„Weil mir von Euch doch keiner zuhört“, will ich meinen vier Söhnen entgegen blaffen. Etwas daran ist wohl richtig, aber das Bloggen ist so viel mehr für mich.

Durch das Schreiben ordnen sich meine Gedanken, ja, bisweilen meine Gefühle. Ich schreibe, um hier bei Kinder, Küche, Kirche nicht den Verstand zu verlieren – ach, und arbeiten tue ich ja auch noch. Da setze ich mich doch gerne an den Schreibtisch und lasse meine Beobachtungen sich beim Herausfließen ordnen.

Keiner unterbricht mich beim Gedankenkreisen, Meinung bilden, Beobachtungen teilen. Also das mit den Unterbrechungen gilt nur für nächtliches Schreiben. Hinterher halte ich (meist) ein schönes Schriftstück in Händen. Von Anfang bis Ende mein niedergeschriebenes Ich.

Wen diese Zeilen verwundern, der weiß nicht um die zerstörerische Kraft eines „Mama, schau mal/ kannst Du mal/ kommst Du mal/ was machst Du da?!“ Im Alltag schaffe ich hier nichts zu Ende.

Alles wird begonnen, nichts wird fertig. Abends umringen mich die unterschiedlichsten Projekte und lächeln mich aus den Zimmerecken höhnisch an. Das Bügeleisen ist nicht abgebaut, die Schulbücher sind nicht fertig eingebunden, die Küche sieht aus und vom Wäscheberg will ich gar nicht erst reden!

Dann setze ich mich hin und öffne ein weißes Blatt Papier im Word. Dieses Papier will nichts von mir. Es fragt mich nichts, es hört mir zu, es erträgt meine Launen und Löschattacken.

Es ist unendlich geduldig und beweist dadurch so ziemlich alle Eigenschaften, die ich als „gute Mutter“ eigentlich besitzen sollte. Das ist aber schon wieder ein Thema für ein neues Blatt Word-Papier …

Meine letzten Gedanken kreisten um:

Plätzchen?! Jetzt schon?!

Wenn er über die Straße geht

Am meisten Spaß macht Essen im Auto

Kopfkino

 

 

 

Plätzchen?! Jetzt schon?!

Wir sind aus den Sommerferien zurück. Die Kinder sind müde, mein Mann leidet unter Büroentzug und ich bin erschöpft vom Urlaub. Natürlich ist der Wäscheeimer voll und der Kühlschrank leer. Demnach ein weiteres Aufraffen und auf zum Supermarkt meines Vertrauens.

Die ersten Blätter wirbeln mir auf dem Weg um die Füße. Noch wärmt die Sonne, aber der Morgenhauch ist bereits ein herbstlicher. Ein wenig beschwingt vom Jahreszeitenwechsel betrete ich die gekühlten Räumlichkeiten. Und dann das – es ist wirklich unglaublich! Ich traue meinen Augen nicht! Was sehen meine entzündeten Augen neben der Wursttheke? Ein super günstiges September-Angebot erster Güte: Weihnachtsplätzchen!

Jedes Jahr versetzt mir das einen Schock. Auch jetzt wieder suche ich hektisch nach Anzeichen von Schnee und Rutscheis vor dem Markt. Habe ich Alzheimer? Ist der Herbst an mir vorbeigeflogen? Habe ich schon die Weihnachtsgrußkarten bestellt? Für wen muss ich noch Geschenke besorgen? Ach, Du meine Güte! Nachdem mein Herz wieder zu schlagen beginnt und ich mich aus der Schockstarre lösen kann, versuche ich mit geschlossenen Augen an dem Berg von Spekulatius und Spitzbuben verbeizukommen und stolpere zielsicher in den Aufsteller der Schokonikoläuse.

Hilfe! Ich falle, suche Halt an dem Heiligen Mann aus Myra. Die Hundertschar seiner Vertreter verweigert mir jedoch den Dienst und ergießt sich stattdessen über mir. So schnell ich kann rappele ich mich hoch und versuche mir den Anschein des normalen zu geben. „Also nein, was so ein vierjähriger im Supermarkt nur anstellen kann …“, mit diesen Worten schiebe ich die Schuld auf meinen verdatterten Sohn.

Sprachlos über die Nikolauslawine und die Unfähigkeit seiner Mutter sich in superengen Marktfluren trittsicher zu bewegen, ziehe ich ihn Richtung Kasse. „Kann ich ein Eis haben?“ „Nein“, erwidere ich, „es ist doch schon Winter.“ Wir verlassen den Supermarkt mit unseren Tüten und schwitzen in der Spätsommersonne.

Mondsüchtig

„Oh!“, rief ein Glas Burgunder,
„oh Mond, du göttliches Wunder!
Du gießt aus silberner Schale
das liebestaumelnde, fahle,
trunkene Licht wie sengende Glut
hin über das nachtigallene Land .“

„Ich weiß, ich weiß! Schon gut! Schon gut“,
rief da der Mond, indem er verschwand.

Joachim Ringelnatz  (1883-1934)

Wenn er über die Straße geht

Wenn er über die Straße geht, blickt er sich nicht um. Aus Prinzip nicht. Er fordert sein Schicksal bewusst heraus. Er tut dies, um ein Gleichgewicht zu seinem so sorgenfreien Leben herzustellen.

Sollen die Götter, das Schicksal oder die andere große Macht doch entscheiden, wann er den Löffel abzugeben hat. Seit seiner Kindheit zweifelt er an diesem Gottvertrauen, das sein Vater wie eine kostbare Amphore gefüllt mit paradiesischen Herrlichkeiten vor sich herträgt. Sonntäglicher Kirchgang war die Abbitte der Woche und heiligte fast alle Taten der vergangenen Woche.

Wie einfach. Oft machte er sich bewusst einen Spaß, bewarf die Schwester mit Äpfeln vom Baum, pinkelte ins Blumenbeet oder verstopfte den Abfluss im Bad. Aber nie, kein einziges Mal kam die Rache Gottes über ihn nieder, auch wenn er die ganze Zeit im Gottesdienst nur „Hänschen klein“ vor sich hin summte. Lautlos, damit er nicht aufflog.

Aber sein Herz und seine Seele legte er nie vor den Altar dar. Das machten ja schon seine Eltern. Dies schien ihm die Feuerprobe zu sein, dass diese eine, alles liebende Gottheit nicht existierte. Im Laufe seiner Berufs- und Ehelebens hatte er viel schlimmere Sünden begangen (Betrug wohin man sah), aber auch hierfür wurde er nicht gestraft.

Nun schwamm er im Geld, in der Liebe seiner Frau und in den Augen seiner Kinder – was sollte ihm schon passiere? Er besaß einen Freifahrtschein fürs Leben. Also, wenn es Gott nicht gab, was dann? Musste es überhaupt etwas geben? Musste man sich die eigene Existenz, Endlichkeit und diese Befindlichkeiten überhaupt erklären? Was, wenn der Zufall alles regiert? Ja, so musste es wohl sein.

Aus purem Zufall was er der geworden, der er nun ist. Aus purem Zufall stand er hier, an dieser Straße, in dieser Stadt, auf eben diesem Kontinent, auf dieser ach so fantastischen Erde. Die Wunderwege der Physik, Biologie, Alchemie – alles reiner Zufall …

Er steht an der roten Fußgängerampel und macht einen Schritt vorwärts. Eine Mutter neben ihm ruft: „Halt!“, und greift den Arm ihres Kindes. Er geht. Die Augen stur geradeaus. Reifen quietschen. Aus dem Augenwinkel erblickt er einen roten Ford. Nein, er schaut nicht zur Seite. Er geht geradeaus. Es wird erneut gebremst, der Fahrer beschimpft ihn aus dem geöffneten Fenster. Er erreicht die gegenüberliegende Straßenseite.

Ihm ist nichts geschehen. Erst jetzt merkt er, dass er den Atem angehalten hat. Er holt tief Luft und dabei entfährt ihm ein Seufzer: „Gott sei Dank.“

Auf geht’s, zur Wiesn!?

Der Bayer an sich entstammt ja schon einem misstrauischen Volk. Die in Amerika staatlich betriebene Propaganda des „neigbourhood-is-watching-you“ hatte hier in den Alpendörfern seine Geburtsstunde und wurde anschließend nach Übersee exportiert. „Geh, schleich Di!“, wird einem in Bayern schneller an den Kopf geschmissen, als man eine Maß bestellen kann. Laptop und Lederhosen hin oder her. Dieses Verhalten wird aber dort zum Problem, wo das Bayernphänomen des Zammrutschens, Saufens und Feiern weltweit geliebt und auch euphorisch besucht wird: auf dem Oktoberfest. Was einst anlässlich einer Prinzenhochzeit mit Pferderennen auf der Wiese vor den Stadttoren begann, zieht nun jährlich sechs Millionen Menschen aus aller Welt an.

Wenn man nun ein schlauer Depp ist, der mit religiös-extremen Fähnchen wedelt und seinem Gott wieder einmal einen Bärendienst erweisen will, so bietet das Oktoberfest die perfekten Bedingungen: westliche Dekadenz in Form von bierseliger Menschenmasse, leichte Zeltwände und ungehinderten Zugang.

Da wird einem schon ein bisschen mulmig zu Mute. Das hat auch die Münchner Polizei erkannt und nun ist es soweit – die Wiesn wird zum ersten Mal eingezäunt. So wie die Flüchtlingslager in und um München. So wie ein Kibbuz in Israel. So wie ein Zwinger. Ein Zwinger der ausgelassenen Freude. Od das wirklich Sicherheit bringt oder nur vorgaukelt, bleibt noch zu diskutieren. Werden denn auch Taschen kontrolliert? Sonst bringt der Zaun ja nix. Rucksäcke sind schon verboten. Oder kontrolliert man nur auffällige Wiesnbesucher? Was macht einen verdächtig? Ein Vollbart? Den tragen nicht nur Islamisten, sondern auch die Vollblutbayern mit Stolz. Gibt man so den Kontrolleuren mal wieder die Macht der Vorurteile in die Hand? „Der sieht nett aus. Aber den da drüben, den müssen wir filzen!“

Was Anderes: Wie sieht ein Besuch der Kotzwiese aus? Ist die im Zaun mit drin? Wäre schwierig, wenn nicht: „Lassens mich schnell raus, ich muss kotz …!“ Vielleicht sieht der Zaun auch Kotzluken vor. Das wäre auch lustig. Kotzen mit anstellen. Hinter den Liken stehen dann Eimer bereit. Erleichtert auch das Loslassen. Die Eimer wären auch der Wiese rechts der Bavaria zuträglicher. Immer wieder stelle ich mir bemitleidenswerte Stadtgärtner vor, die elf Monate lang die Bepflanzung hegen und pflegen – bis zum Anstich.

Man darf gespannt sein. Na, dann prost!