Wo findet man seine Ruhe? – Am Berg

Wir machen in den Ferien mal das etwas andere Programm: Downsizing. Entschleunigung, Konsumbereinigung. Und wo das Ganze? Oben auf dem Berg, besser gesagt in den Bergen. Im Stubaital hoch oben auf der Neuen Regensburger Hütte.

Gepackt wird nur das Nötigste und jeder schleppt selber – auch der Sechsjährige: Hüttenschlafsack, Regenjacke, Taschenlampe, Karten, Wechselklamotte, Taschenmesser, Müsliriegel, Trinkflasche und los!

Der Anstieg zur Hütte ist super spannend. Ab durch den Wald, Moosboden und Fichtennadeln begleiten uns. Ein erstes Kruzifix am Wegesrand. Die Autos der Dorfstraße sind kaum mehr zu hören. Die Kinder steigen munter plaudernd, die Eltern leise schnaufend dem Mittagessen auf der Ochsenalm entgegen. Der Wald lichtet sich. Eine Almwiese wie im Bilderbuch öffnet sich unserem Blick. Heuschober und Gebirgsbrunnen zum Abkühlen stehen neben der Einkehr. Und dann sieht man die Regensburger Hütte oben thronen. Scheinbar an der Bergeskante, auf 2.286 Meter Höhe, ragt unser Ziel uns entgegen. Ein sehr beeindruckender Wasserfall lässt jedes Gespräch verebben. Die Jungs sind jetzt eh leiser, denn nun geht es zwei Stunden steil bergauf. Keiner redet mehr. Kaum einer begegnet uns. Jetzt macht jeder den Weg mit sich allein und doch gemeinsam.

Meine Gedanken kreisen immer langsamer und kehren zu mir zurück. Ich schwitze und bin wirklich angestrengt. Scheinbar mühelos klettern die Burschen mit ihrem Gepäck auf den Berg. Und ich? Was ist mit meinem Gepäck? Es drückt auf meine Schultern. Trage ich zu viel mit mir herum? Was soll ich loslassen, was lohnt sich mitzunehmen? Huch, solche Fragen tauchen im Tal doch nicht auf?!

Endlich haben wir die Hütte erreicht. Welch Erleichterung die schweren Schuhe abzustreifen (und wieder der Gedanke: welche Gewohnheiten sind überflüssig?), die Arme in den eiskalten Trog vor dem Haus zu stecken, sich in die Wiese zu legen … Die Jungs springen kurze Zeit später in den kleinen See neben der Hütte. Anschließend spielen sie Alphorn mit einem alten Duschschlauch, sie füttern die Hühner und streicheln die Babykatzen. Sie sind mit sich zufrieden. Keine Fragen nach: „Was machen wir jetzt?“ oder „Mir ist so langweilig!“ Und mein Mann stiefelt, bar eines Handynetzes, um mich herum: „Ich hab nix zu tun! Na, dann geh ich eben mit den Jungs schwimmen.“ – Herrlich! Tatsächlich verbringt auch mein Handy die vier Tage auf dem Berg im Flugmodus. So haben wir beide mal Ruhe.

Die Tage auf dem Berg sind klar strukturiert: 6:30 Uhr aufstehen, Frühstück gibt es nur bis 7:30 Uhr. Danach packen für den Tagesmarsch mit heißem Tee und reichlich Schokolade. Anschließend steigen, steigen, steigen, inklusive geistiger Bereinigung. Der Triumph am Gipfel: „Diesen Berg haben wir geschafft und seht mal da unten, unsere Hütte!“ Einen Gletschersee besucht, Murmeltieren gelauscht, Kühe vom Weg verscheucht. Abstieg und Rückkehr am frühen Nachmittag. Genug Zeit zum Lesen, Baden, oder einer heißen 2-Minuten-Dusche … Abendessen um 18:30 Uhr, Hüttenruhe um 22 Uhr. Einfach, nichts dran zu rütteln, unumstößlich. So werden einem viele Entscheidungen abgenommen und der Kopf wird klar.

Wir genießen das gemeinsame Zubettgehen. Hier findet sich die Zeit für Gute-Nacht-Geschichten, Kartenspiele und gegenseitigem Zuhören.

Derart entschleunigt, körperlich erschöpft, aber munter, steigen wir den Berg hinab und der Wirklichkeit entgegen.

Es ist so laut hier. Die Leute reden zu schnell und zu viel. Im Supermarkt schreien uns die grellen Produkte an. Die Kinder zappeln und sind hin und her gerissen.

Am Abend planen wir deshalb sofort unsere nächste Tour.

Münchner Hausberge

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