Er kommt um sieben

Er kommt um sieben! Er hat es versprochen. Das schaffst du locker. Gib dich ganz normal. Schließlich ist er auf deine Persönlichkeit scharf, sagst du dir, während du deine Zehen mit Bimsstein traktierst, die Mitesser auf der Nase ausdrückst, deine Achselhöhlen rasierst und eine vollbiologische Gesichtsmaske aus Gurke, Honig und Eiweiß anrührst.

Sechs Uhr. Dein Gesicht beginnt langsam zu gären. Du bleibst wie angewurzelt im Zimmer stehen. Gären…? Der Rotwein! Braucht der Rotwein nicht endlos Zeit zum Atmen? Während du die Korkenreste aus dem Flaschenhals pulst, nimmst du dir vor, dich zusammenzureißen. Atmen soll der Wein, was hat er denn? Rein ins Dampfbad mit ihm. Mal kurz aufs Etikett geschielt. Um Gottes Willen! Was, wenn er merkt, dass du die Flasche im Sonderangebot gekauft hast? Kurzerhand schnappst du dir deinen Schlabberpulli und läufst im Eilschritt zur nächsten Kneipe. Erst als du nach einem edlen, vollmundigen Rotwein fragst und dein Mund dir dabei den Dienst verweigert, fällt dir auf, daß du noch immer deine vollbiologische Gesichtsmaske trägst. Das Eiweiß ist jetzt so fest wie Zement. Vor lauter Angst, dein Nagellack Farbe „Malibu Passion“ könnte verschmieren, lässt du die Flasche fallen und der famose Franzose haucht auf dem schmutzigen Bürgersteig sein Leben aus. Die Hälfte deines verdammten Wochenlohns versickert im Pflaster.

Halb sieben. Wenn das Essen stimmt, merkt er nichts mehr von dem billigen Fusel. Die Liebe des Mannes geht ja bekanntlich durch den Magen … auch wenn das nicht der Körperteil ist, der dich an ihm interessiert. Ach, wird das toll, wenn du bei deinen Freundinnen auch endlich wieder mit einem Mann prahlen kannst! Deine Kochkünste kannst du sowieso vergessen. Nach einem dramatischen Kampf mit der Knoblauchpresse über der mexikanischen Avokadocreme stopfst du dich mit der großen Schüssel Bohnen voll. Wie war das doch gleich wieder mit den blähenden Speisen? Ach, wärst du doch bloß eins dieser schlanken Mädchen, die in vornehmen Restaurants mit der Gabel im Salat rumstochern und aussehen, als wären sie in Gedanken bei viel wichtigeren Dingen!

Den Hintern zum Spiegel gedreht reckst du den Hals und schaust dir selbst über die Schulter. Nicht nur, dass du alles andere als streifenfrei gebräunt bist, siehst du von hinten auch noch aus wie eine wandelnde Bowlingkugel. Und wenn schon dein Hintern ein Problem ist, wie steht es dann mit deinem Gehirn? Reden? Reden worüber eigentlich? Neulich auf der Party haben alle Gäste mit ihren Geschäftsabschlüssen, Theaterprojekten und Wirtschaftstheorien um sich geworfen. Das Interessanteste, was du in der letzten Woche geleistet hast, war dir die Ohren durchstechen zu lassen. Dein Kopf dreht sich zur anderen Schulter. Da bist du wieder und glotzt mit düsterer Miene dein Spiegelbild an. Warum? Warum bist gerade du mit dickem Hintern und hohlem Kopf auf die Welt gekommen? Die einzigen Shakespeare-Zitate die du beherrscht, stammen von einem Wandkalender. Fieberhaft probst du spontane Gespräche. Alkaida und der IS? Die Sicherheitsrisiken bei der Lagerung nuklearer Waffen? Du wirst das schon schaffen.

Viertel vor sieben. Dir fällt auf, dass deine Zimmerpflanzen ziemlich hinüber sind. Scheiße! Warum macht man sich überhaupt die Mühe? Hinter der Toilette sprießt, ganz ohne Pflege, eine ganz andere Art von Vegetation. Du zischst, räumst auf, kehrst unter den Teppich.

Fünf nach sieben. Dir fällt auf, daß in deinem Zahnbürstenbecher zwei Bürsten stehen. Irgendein männliches Beutetier aus grauer Vorzeit muß dieses ausgefranste Etwas wohl vergessen haben.

Sechs Minuten nach sieben. Du dimmst das Licht und nippst an deinem zweiten Gintonic. Seufz! Jetzt sieht alles schon viel romantischer aus!

Halb acht. Ganz ruhig. Ohm…Ohm…Ohm…Tief durchatmen. Deine Augen springen auf. Du siehst dir deine Wohnung an, als wäre es das erste Mal. Was sagt sie über dich aus?

Viertel vor acht. Ranhalten! Du schnappst dir einen Stapel Bücher und verteilst sie. Ein Gedichtband auf dem Klo zeugt von Sensibilität, ein Psychobuch neben dem Telefon signalisiert geistige Tiefe. Ein paar gelehrte Wälzer auf dem Coutschtisch verweisen auf das Ungewöhnliche, die Einzigartigkeit deines wahren Ichs.

Acht. Herr Pünktlich in Person! Er ist bestimmt aufgehalten worden. Hüte dich ihn anzurufen. Statt dessen schlürfst du noch einen Gintonic und blätterst in einem Bildband über die Zucht von Angoraziegen. Du knallst das Buch zu. Was zum Teufel gehen dich diese Ziegen an? Dein Blick auf die Bücher im Zimmer erfüllen dich mit Schrecken. Und wenn er diesen Büchergeschmack, der dir so herrlich exzentrisch vorkam, für schlichtweg schwachsinnig hält? Hektisch sammelst du die sorgsam ausgelegten Köder wieder ein. Du übst deine Zunge an den Seiten nach Innen zu rollen.

Halb neun. Es ist nun mal schick zu spät zu kommen.

Neun Uhr. So schick nun auch wieder nicht. Du springst vom Stuhl auf, verdammt! Du willst doch nicht einfach so rumhängen, wenn er kommt. Auf keinen Fall darf er denken du hättest nicht massenhaft anderes zu tun. Oder massenhaft andere Freunde mit denen du etwas tun könntest. Du zerrst die alte Zahnbürste wieder aus dem Müll, verteilst ein bißchen Dreck auf den Kacheln im Klo. Läufst ins Schlafzimmer und zerwühle das Bett. Caro hat dich gewarnt: „Das erste Mal im Bett mit einem neuen Mann ist immer eine Pleite.“ Wie vorzeitig kann eine Ejakulation sein, wenn er noch nicht mal da ist?

Zehn. Du fällst in dich zusammen, als wärst du selbst ein Teil des Sitzsackes und mit nichts anderem gefüllt als mit Styroporkügelchen. Du hast die Schnauze voll von Partygesprächen, denen man nur mit einem Wörterbuch folgen kann. Doch den Eiswürfeln im Glas sei`s gesagt, Treibstofformeln für Exocetraketen und die Namen giftiger Moleküle in tuberkulösen Kälberlungen kommen dir nicht so leicht über die Lippen. Intellektuelles Geschwafel, erklärst du der Schüssel mit Avocadocreme, heißt mit mehr Worten um so weniger sagen. Du pellst dich aus deiner Jeans und wendest dich wieder deinem Schlabberpulli zu. Und während du dich aus deinem Strechthöschen befreist, beschließt du mit diesen ewigen Diäten aufzuhören.

Elf. Du tröstest dein verzweifeltes Herz mit dem Gedanken, dass bei den salzstangendünnen Mädchen in den Schicki-Micki-Restaurants auch das Gehirn unterernährt ist.

Halb zwölf. Du probierst ein paar neue Gesprächsthemen: Radikale Zölibate, lesbische Liebe, Selbstmordraten bei alleinstehenden Frauen und du trinkst den letzten Schluck deines zehnten Gintonics. Du rufst ihn an. Bei dem Klang seiner schläfrigen Stimme beginnst du zu kichern: „Es gibt … es gibt nur eins …“ sagst du, mittlerweile heulend, „was man über den Iran wissen muss. Die Perser…“-Ruhepause- „…die Perser werden täglich noch perverser!“

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