Es ist soweit

Vor meinem geistigen Auge liege ich zusammengekrümmt auf dem Boden der Küche vor dem geöffneten Kühlschrank und rühre mich nicht mehr. Ich spüre die Kälte des Steinbodens unter mir, spüre den kalten Atem des Kühlschrankes auf mich fallen – und es macht mir nichts aus. Es macht mir nichts aus, weil ich es nicht mehr spüre, das heißt, natürlich reagiert mein Körper. Die Hände und Arme zittern, während sie sich um mich schlingen. Meine eiskalten, nackten Füße reiben sich aneinander – in der Säuglingsstellung wieder verharrend. Dennoch kommt nichts von dieser äußeren Kälte bei mir an. Ich lasse sie nicht ein, so wie ich seit heute Mittag nichts mehr einlasse. Ich habe geschlossen, durch und durch geschlossen. In meinen Ohren höre ich ein zuerst störendes Rauschen. So wie ein Dauerton nach Sendeschluss im Radio oder Fernsehen (ja, den gibt es noch). Dann aber, nach und nach verzieht sich das Störende des Rauschens und wird zu einem Auf- und Abschwellen einer Brandung, einer Meeresbrandung, die ich gerne schon längst in Natura aufgesucht hätte, mich aber immer habe hindern lassen. So liege ich und höre auf zu existieren. Ich bin weg aus Raum und Zeit. Na ja, das mit dem Raum scheint mir nicht zu gelingen, sonst würde mein Mann keinen hektischen Anfall bekommen, als er mich so auf dem Boden liegend findet. Er denkt an Herzinfarkt (nur weil ich schon 40 bin), an eine Art Muskelkrampf, aber bestimmt nicht an einen geistigen Starrkrampf, den mir meine Umwelt zugefügt hat. Es ist schwer in Worte zu fassen, wie es soweit kam. Der Tag begann ausgesprochen gut und einigermaßen entspannt. Ich brachte die Kinder auf die Straße, begleitete zwei zu Schule und Kindergarten, wanderte mit dem Hund heimwärts durch den ersten Frühlingsmorgen dieses Jahres. Und dennoch reihten sich mehrere Dinge aneinander, die in mir Stress und Hektik auslösten: Der ADAC-Mensch kam gefühlte fünf Minuten, bevor der Erstklässler nach Hause kam und schickte mich mit dem wieder angesprungenen Auto sofort zur Werkstatt, Sohn Nr. zwei betrat schlaftrunken die Wohnung (Kurzschlaf im Autobus), um sofort in ein hysterisches Gekreische zu verfallen, nur weil er die Handschuhe und die Mütze nicht in die Außentasche seiner Winterjacke bekam. In der Zeit verkochten die Nudeln auf dem Herd… Macht nichts. Aber das Schreien macht etwas. Es ist ein scheinbar unkontrolliertes Gekreisch, dem ich nicht Herr werden kann. Er kreischt nach Hilfe und lässt diese nicht zu, kreischt noch mehr und lässt noch weniger zu. Ich schicke ihn – jetzt auch selbst kreischend – in sein Zimmer. Dieses unvermittelte, unstillbare Geschrei hat er seit nunmehr fast neun Jahren an sich. Ich kann es nicht mehr hören und ich kann nichts dagegen tun! Ich komme nicht an ihn heran und er weidet sich daran es nicht abzulegen. Der gute Knabe erreicht dieses Frühjahr das neunte Lebensjahr – und benimmt sich mitunter wie ein Dreijähriger… Ich kann es nicht mehr hören, denn ich nehme es persönlich, so wie ich all die Sorgen, Ängste und Hilferufe meiner vier Söhne ernst nehme. Nur diesem ist nicht beizukommen. Und ich habe das Erziehen nicht professionell gelernt! Der Tag geht weiter… Ich entziehe dem Zweiten in Gedanken und auch wörtlich die Mutterschaft meinerseits, wenn er so weiter macht – ich kann nicht mehr, will mich schon jetzt Hinlegen… will mein Leben zurück. So sehr er sich gegen meine Hilfe wehrt, so sehr hängt er an mir. Ich erinnere mich an Zeiten, in denen die Großmutter ihn nicht anfassen, ihn gar anschauen durfte – nur Mami. Eine Ehre und eine unermessliche Last zugleich!

Nun gut, ich hole unter Berücksichtigung einiger Tätigkeiten für das Gemeinwohl (Kirche) Sohn Nr. Vier vom Kindergarten ab, um weiter zu Sohn Nr. Eins zu eilen. Dieser präsentiert mir eine sechs(!!!) im Vokabeltest – und das, nachdem wir jeden Abend in den Ferien, müde vom Skifahren, diese geübt haben. Das Buch, zu dem morgen ein Kurztest ansteht, hat der Herr der Schöpfung gleich mal in der Schule gelassen „weil ich es ihm nicht gesagt habe“ — das ist der Punkt an dem mich meine Contenance verlässt und ich zu weinen beginne. Ich lebe NICHT deren Leben; ich bin ich und ich weiß, wie man sich vorbereitet und auch Stresssituationen durchsteht – zumindest den Schulstress. Aber dieser Stress? Dieser Stress setzt mir zu, weil ich ihn scheinbar nicht ausgelöst habe, oder doch? Allein weil es meine Kinder sind?? Muss ich mich deshalb unreflektiert anschreien,  beschimpfen und verantwortlich machen lassen? Ich werde eine Petition einreichen (egal wo und nachdem ich mich von diesem Boden aufgerichtet habe): „Freiheit für die Eltern!“ – Lasst Eure Eltern in Ruhe! Macht Euch endlich selbständig! Fangt an Euer Leben zu leben – ohne die Ermahnungen sich beim Pinkeln zu setzen oder die Badehose vom Schwimmunterricht mitzubringen. Mein Gott, mein Ältester ist elf Jahre alt! Wie viele Badehosen soll ich ihm kaufen? Die, die vor ihm auf dem Boden der Schwimmhalle lag sah irgendwie wie seine aus – aber zu checken, ob er seine eigene auch eingesteckt habe, darauf kam er nicht (wahrscheinlich hatte ich morgens verabsäumt ihn darauf hinzuweisen Strandgut auf Persönliches zu überprüfen). Klar, ich bin Schuld. Die Frage, die sich mir aufdrängt, während ich auf dem Küchenboden über mein „Cappuccino trinkendes Mama-Dasein“ sinniere: Wie lange noch? Wann kann ich mich wieder um mich kümmern? Es wird kalt hier unten. Ich könnte aufstehen, das Jugendamt anrufen und alle (oder einen Teil) meiner minderjährigen Söhne auf Steuerzahlerkosten hier wegschaffen lassen – und das kostet die braven Steuerzahler dieses Landes echt eine Stange – aber ich tue es nicht. Natürlich nicht. Ich bin eine Kämpferin, eine Kriegerin des Lichts. Ich stehe langsam aber sicher auf, ich stelle mich diesem von mir gewählten Leben, ich überlebe diesen Schlaganfall des Kinderwahnsinns – bis zum nächsten Mal.

Ein Gedanke zu “Es ist soweit

  1. Kay becker schreibt:

    So ein toller Text. Rücksichtslos ehrlich, dramatisch, traurig und auch auf irgendeine Weise lustig… und tröstlich… Wenn man diese Gefühle kennt und teilen kann.. Liebe Grüße Kay

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