Keine Ereignisse

Das schönste am Urlaub? Egal wie das Wetter ist und wo ich mich rumtreibe – es gibt keinen Termindruck. Genau dann habe ich Ferien. Keiner wartet irgendwo auf mich, keiner drängt mich durch den Tag, keine Kinder müssen in genau fünf Minuten hier –  und dort sein.

Ich stehe auf, laufe mit dem Hund, bereite das Frühstück, lese ein Buch, leg mich kurz aufs Ohr, gehe mit den Kids ins Freibad/ auf den Berg/ in die Buchhandlung/ an den See.

Das ist das Gefühl, keine Ereignisse anstehen zu haben. – Und dennoch erleben wir eine Menge …

Backe, backe, Kuchen …

Da ist er wieder, der Juli (des Dezembers kleiner Bruder). Der Sportverein, die Abschiedsfeier, das Sommerfest – alles mal vier. Immer wird gebacken und gekocht. Und wissen Sie was? Es macht mir Freude! Nein, doch, wirklich!

Nichts verabscheue ich mehr, als die Blicke der Eltern, die zum Buffetbeitrag aufgefordert werden, aber nichts liefern können: „Da sind wir auf einer Familienfeier“, „ich bin im Ausland“, „unser Kind nimmt eh nicht teil“, „da sind wir sowieso nicht da“. Die Zahl der Ausreden ist schier endlos. Komisch aber, dass alle die Lehrerin doch verabschieden wollen, am Sportfest teilnehmen, zum Kirchensommerfest kommen und alles vorbereitet finden möchten, sich aber nicht selbst hinter die Theke stellen, Getränke verkaufen oder eben schlicht einen Zitronenkuchen backen. Schade.

Dies ist also ein klarer Aufruf zu: BACKT MEHR KUCHEN! Engagiert Euch! Machen, nicht meckern.

Schön passt dazu der Spruch einer dieser Edgar-Karten:

„Machen ist wie wollen, nur krasser.“

Lesefreuden

Immer wieder geschieht es, dass in meinem Kinderalltag mitunter Minuten, manchmal gar eine halbe Stunde Lesen drin ist. Ich liebe diese fiktiven Welten! Dieses Eintauchen in Beweggründe der Anderen, die Welt, wie sie wohl 2080 aussehen wird? Was wird sich wie verändert haben?

Ab und zu finde ich Phrasen, die mir auch auf der Zunge lagen, aber so viel treffender beschrieben sind. In „Altes Land“ von Dörte Hansen sind Menschenbilder so treffend umrissen – ich hatte Tränen in den Augen! „Mami, warum weinst Du denn, wenn Du schon Zeit zum lesen hast? Ist was passiert?“ – Ja, mein Kind, Welten bewegen sich zwischen diesen Seiten …

Hier ein kleiner Schmunzel-Auszug – Städter, die aufs Land ziehen; ein Meinungsbild der Landbevölkerung (aus Altes Land, von Dörte Hansen):

„Dirk zum Felde hatte die Schnauze voll von Idioten in teuren Gummistiefeln, die unbedingt aufs Land ziehen mussten. (…) Es hatte eine Weile gedauert, bis er kapiert hatte, warum sie das nicht hören wollten. Weil er ihnen das Panorama versaute. Ein diplomierter Agrarwissenschaftler, der mit moderner Landtechnik einen Altländer Obsthof bewirtschaftete, der Pflanzenschutzmittel auf seine Apfelbäume sprühte und sie einfach absägte, wenn sie nicht mehr trugen – das war wie eine vierspurige Autobahn in einem Heimatfilm. Er passte nicht ins Bild. Er störte sie.
Und sie störten ihn! Die verpeilten Kreativen, die aus den Städten in die Dörfer strömten, um sich zu erden, und dann tigerten sie mit ihren Golden Retrievern durch die Obstfelder und lungerten vor verfallenen Resthöfen und Landarbeiterakten. (…)

Diese verspannten Großstadt-Elsen mit ihren Sinnkrisen quengelten um marode Reetdachhäuser wie ihre Töchter früher um ein Pony. Es war so süß! Sie mussten es haben! (…) Er gab ihr drei Wochen. Dann würde sie ihm irgendein fair gehandeltes Gebräu in einer hingepfuschten Töpfer-Tasse ohne Henkel anbieten und harmlos fragen: „Was spritzt du da eigentlich drauf?“ Und natürlich wäre das keine Frage, sondern nur der Einstieg in ihre kleine Öko-Predigt, und spätestens nach zehn Minuten würde sie ihr Loblied auf die alten Obst- und Gemüsesorten singen. (…)

Diese Öko-Missionare konnten Boskop nicht von Jonagold unterscheiden und hatten garantiert noch nie einen verwurmten, schorfigen Finkenwerder Herbstprinz gefressen, sonst wüssten sie, dass diese beschissenen alten Sorten völlig zu Recht ausstarben.“

 

Als Gegengewicht empfehle ich diesen Sommer „Die Geschichte der Bienen“ von Maja Lunde.

 

Sommerferien! Wann, wo, wie?

Bald ist es wieder so weit: Sechs Wochen scheinbar ungeplante Freiheit tut sich vor uns (wohl weniger) und unseren Kindern auf. Was kann man wo alles erleben? Erholen sich auch die Eltern? Gibt es Spielkameraden am Zielort? Sind wir endlich da?

Ideen und Gedanken für eine der schönsten Zeiten im Sommer:

Auf der Reise – weil nur iPads und Earphones uncool sind:
– Was ist passiert? Ein nackter Toter im Baum und unten ist eine Wasserpfütze … Detektive aufgepasst! www.black-stories.de;
– Hörbücher sind der Hit, bereiten mitunter auf den Reiseort vor und verbinden alle Autoinsassen: Die kleine Spinne Widerlich (ab sechs Jahren), alle Angebote von Audible – auch für Erwachsene in Begleitung geeigne;t 😉
– Reisespiele, wie „Ich sehe was, was Du nicht siehst“, „Ich packe meinen Koffer“, „Sätze aus Kennzeichen bilden“;
– Mit Stift und Papier/ Buch: „Der neue große Wissenstest für Kinder„, „Stadt, Land, Fluß„, eine Geschichte schreiben mit drei Reizwörtern (zum Beispiel: Papa/ kotzen/ Absturz);

Wir fahren dieses Jahr nicht weit weg, sparen uns die Fahrzeit, dafür muss ich mir ein ansprechendes Ferienprogramm für die Kinder ausdenken. Hier unsere Highlights:
– Windsurfing
– Rafting
– Minigolf
– Wildpark
– Wandern (ok, das mögen lieber die Eltern)
– Schwimmen – der Freischwimmer steht für den Jüngsten noch an
– noch besser: Schwimmen im See
– Skateboardanlage
– Golfstunde
– Reitstunde
– ein Tag Bücherei/ Museum/ Schlossbesichtigung (meist gibt es Kinderführungen)
– Städtetrip mit Kindern als Reiseführer (Eisdielenzählen)
– Waldfeste mit Alphörnern
– Bauernhof „zum Anfassen“
– Feuer machen (Stockbrotteig selber kneten, Marshmellows grillen)
– Kino – vorher die Handlung selber ausdenken und aufschreiben
– Schnitzkurs
– Segelkurs

Für die Eltern heißt das, immer ein gutes Buch im Gepäck zu haben.

Und immer ein Ferientagebuch – das gibt uns die Möglichkeit die Ferientage abends Revue passieren zu lassen und am Ende der Ferien zu sehen, was man alles erlebt hat.

 

 

Wo kommen wir denn da hin?!

… wenn jeder einfach auf die Straße geht und sich nix dabei denkt? Jetzt ist es wieder so weit und die Sonne leuchtet uns den Sommer auf den Balkon. Ich will raus – und frage mich dabei ständig: „Kann ich das so tragen?“ – Passt mir das Kleid, die kurze Hose? Gehen meine Beine noch so? Ist mein Bauch zu dick?

Alle um mich herum scheinen jünger, schlanker und sportlicher zu sein.

Ich sage Euch Mädels, DAS IST EIN IRRTUM!!

Wir sitzen im Café, liegen im Freibad, schwitzen in der U-Bahn – und denken alle mindestens einmal täglich das selbe: „Die sieht besser aus, als ich.“

Wie wäre es, wenn wir das sein lassen? Wenn wir einfach die Zeit mit uns (und unseren Kindern und Freunden und Männern) genießen und selbstbewusst denken:

„So jung/ schlank/ fit komm‘ ma nimmer z’am.“

Viel Spaß im Leben!

Regengedicht (meiner Jungs)

nass, kalt, kühl, erfrischend, lang ersehnt, tief, tropfend, viel, heftig, feucht, schwer, oft, sprühend, warm, weit weg, gibt Leben, matschig, befruchtend, dunkel, schön, frisch, klar, ehrlich, kein Verstecken mehr.

Er wäscht – alles Dreckige ist weg, Unrecht hinfort. Er erfrischt die Seele, klärt den Geist. Reinigung. Sauber. Getauft.

Frühling? Sommer?!

Zeit für ein Frühlingsgedicht.

Obwohl es sich schon wie Sommer anfühlt. Die Bauern und Landwirte stöhnen: Es ist viel zu trocken!

Wir Städter freuen uns über die Sonnentage, laue Luft, wenig Feuchtigkeit. Die Tiere ächzen, die Viehhalter jammern.

Kann das Wetter es je allen recht machen?

Scheint unmöglich.

Der Frühlingsabend

Beglänzt vom roten Schein des Himmels bebt
Am zarten Halm der Tau,
Der Frühlingslandschaft zitternd Bildnis schwebt
Hell in des Stromes Blau.

Schön ist der Wiese Grün, des Tales Gesträuch
Des Hügels Blumenkleid,
Der Erlengang, der schilfumkränzte Teich,
Mit Blüten überschneit.

Schön ist der Quell, der Hain, der Abendstern,
Der Baum, der Kühlung taut,
Und alles, was mein Auge, nah und fern,
Dankweinend überschaut!

Friedrich von Matthisson 1762-1831

 

Der Schulwechsel

Heute ist es soweit: Ich melde unseren Sohn im Gymnasium an. Warum dies nicht einfach ein Behördengang ist, sondern ein Happening? Ich weiß es nicht. Es muss sich schleichend entwickelt haben, still und leise, dass aus jedem „Kindertag“ ein besonderes Ereignis geworden ist.

Der erste Kindergartentag wird mit Schultüten im Miniformat, Kuchen, Großeltern und Belobigungen durch die Eltern gefeiert. Dazu gibt es Rucksäcke in rosa und himmelblau, Trinkflaschen, Kuscheltiere und eine neue Garderobe. Ok.

Die Einschulung wird wie der Eintritt ins Berufsleben zelebriert mit ewig recherchierten Schulränzen, farblich abgestimmten Schultüten, passenden Reflektoren und einem Dreigänge-Menü beim Lieblingsrestaurant.

Jetzt also der Übertritt. Nächte langes Bangen und Zähneklappern um die Noten, die hier in Bayern mit einer Weisung der Lehrer einhergehen, für welchen Schultyp der Zögling denn nun geeignet ist. Tränen fließen, Verzweiflung macht sich breit. Oft. Ist die Hürde des „Schulnummerus-Klausus'“ genommen, regnet es Geschenke.

Mein 10jähriger kam heim und meinte: „Mama, was bekomme ich denn für meinen Übertritt geschenkt?“ Ich: „Einen neuen Turnbeutel, einen Rucksack und wenn Du magst einen neuen Füller.“ „Ah, ok“, meinte er. „Was gibt es denn bei den anderen so?“, frage ich zaghaft nach. „Naja, Ludwig bekommt ein neues iPhone, Maya ein Hoverboard und Ferdinand das aktuelle WM-Deutschlandtrikot.“

Ich zucke zusammen. Ok, wir wohnen nicht im finanziellen Brennpunkt dieser Stadt, aber solche Geschenke?! Ermattet von der gedanklichen Last dieser Gaben sinke ich aufs Sofa. Übervorteile ich meine Kinder? Sollte ich auch meine Wertschätzung für sie nicht viel mehr in materiellen Gütern zeigen? Nein, das werde ich nicht tun (und sie hungern und dursten hier nicht, müssen nicht unbekleidet das Haus verlassen).

Abends schnappe ich mir meinen zukünftigen Gymnasiasten: „Mein Schatz, heute Abend darfst Du Dir den lang ersehnten Film endlich anschauen – das ist mein Geschenk an Dich. Ich finde es super, wie Ihr alle vier Eure eigenen Wege geht, denn das ist Euer Leben und Ihr macht sicher das beste daraus.“

Auch interessant: Leistungsdruck?!

Bildquelle: www.helpster.de 

„Sie haben Ihr Ziel …“

Überall entdecke ich sie. Egal wohin ich blicke, ständig glitzert, blinkt oder reizt es in unauffälligem Schwarz mein Auge: die Fitnesstracker meiner Freunde, Bekannten und so mancher Fremder.

Es gibt sie in angesagter Armbandoptik, getarnt als unscheinbare Armbanduhr und von allmighty-Apple. Alles wird gezählt, bewertet, zur Verbesserung angespornt. Schneller, schneller und bitte immer effektiver. Die durchschnittliche Schrittzahl kann ständig erhöht und dem individuellen Fitnesslevel angepasst werden.

Und wohin führt das? Ins Nirvana? Zu den Jungfrauen? Ins Paradies? Um das zu ergründen habe ich mich auch an die Kette legen lassen. Und ja, ich fühle mich positiv bestärkt, wenn ich meine Schrittzahl zwischen Wäschekeller, Dachboden und Gartenarbeit erfüllt habe (und mir abends noch ein Gläschen Weißwein zusätzlich gönnen kann – hab ich mir ja bereits abtrainiert). Mein wöchentlicher Einkauf für die sechsköpfige Familie schlägt sich endlich auf mein Workout-Programm nieder und bereits um 11:20 Uhr heißt es: „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“

Das Ganze schlägt aber auch schnell in Stress um. Neulich, Donnerstag am frühen Abend durchzuckte es mich: Was?! Ich hab erst 9.500 Schritte getan und nur 45 Minuten trainiert?! „Sie haben Ihr Ziel (schon wieder nicht) erreicht.“ Zeit, das Ding runter zuschalten.

Das Armband ermahnt mich, doch noch bitte meine letzte Trainingseinheit zu absolvieren. Ich kann aber nicht mehr! Hausaufgaben mit dem störrischen Zweitklässler, ein Bioreferat und die Beaufsichtigung einer Strafarbeit liegen bereits hinter, die Bügelwäsche noch vor mir. Ich sehne mich nach Schokolade und „Pride and Prejudice“. „Schön durchatmen“, kommentiert das Armband. Was?! Das Ding scheint mich wirklich zu beobachten. Schnell grüble ich über Privatsphäre, Big Data und die allgemeinen Geschäftsbedingungen meines Trakers nach.

Wir haben uns mittlerweile aneinander gewöhnt. Ich habe alle nervigen Funktionen ausgeschaltet („Zeit, ein Glas Wasser zu trinken.“) und am Wochenende ziehe ich das Ding erst gar nicht an, denn wenn mich meine Handgelenksfreundin am Samstag daran erinnern will, dass ich mein Ziel schon wieder erreicht habe, dann habe ich was falsch gemacht. Dann ist es kein Wochenende.

Nachtgedanken

Denk ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen,
Und meine heißen Tränen fließen.

Die Jahre kommen und vergehn!
Seit ich die Mutter nicht gesehn,
Zwölf Jahre sind schon hingegangen;
Es wächst mein Sehnen und Verlangen.

Mein Sehnen und Verlangen wächst.
Die alte Frau hat mich behext,
Ich denke immer an die alte,
Die alte Frau, die Gott erhalte!

Die alte Frau hat mich so lieb,
Und in den Briefen, die sie schrieb,
Seh ich, wie ihre Hand gezittert,
Wie tief das Mutterherz erschüttert.

Die Mutter liegt mir stets im Sinn.
Zwölf lange Jahre flossen hin,
Zwölf lange Jahre sind verflossen,
Seit ich sie nicht ans Herz geschlossen.

Deutschland hat ewigen Bestand,
Es ist ein kerngesundes Land,
Mit seinen Eichen, seinen Linden,
Werd‘ ich es immer wiederfinden.

Nach Deutschland lechzt ich nicht so sehr,
Wenn nicht die Mutter dorten wär;
Das Vaterland wird nie verderben,
Jedoch die alte Frau kann sterben.

Seit ich das Land verlassen hab,
So viele sanken dort ins Grab,
Die ich geliebt – wenn ich sie zähle,
So will verbluten meine Seele.

Und zählen muß ich – Mit der Zahl
Schwillt immer höher meine Qual;
Mir ist, als wälzten sich die Leichen,
Auf meine Brust – Gottlob! Sie weichen!

Gottlob! Durch meine Fenster bricht
Französisch heitres Tageslicht;
Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen
Und lächelt fort die deutschen Sorgen.

Heinrich Heine, 1844

Heine schrieb das Gedicht im französischen Exil, er denkt an die Mutter (die vergehen kann im Gegensatz zum starken Vaterland, das Kriegsland Deutschland eben)

Als ich das Gedicht zum ersten Mal las, da berührte mich dieser erste Vers aus ähnlichen Gründen, auch wenn ich kein Sehnen in meiner Brust verspüre, da ich hier ungestört leben darf.

Dennoch wälze ich mich in den Laken: „… Da bin ich um den Schlaf gebracht …“ Denkt man an das heutige Deutschland, so plagen mich die Sorgen um große Koalitionen, die Asylanten, den Rechtsradikalismus, die Soaps im Fernsehen und das virtuelle Alltagsleben unserer Kinder.

Bildquelle: www.motor-talk.de